Predigten

Wie oft haben Sie schon beim Hören einer Predigt gedacht: "Das war ein guter Gedanke. Schade, dass ich nichts zum Schreiben dabei habe." Dem Wunsch, das gesprochene Wort zu Hause noch einmal in Ruhe nachlesen zu können, entsprechen wir auf dieser Homepage. Ausgewählte Predigten, die im Kirchenkreis Rotenburg gehalten wurden, werden auf diesen Seiten veröffentlicht.

Schauen Sie hinein, lassen Sie sich inspirieren und scheuen Sie sich nicht, zum Verfasser der Predigt Kontakt aufzunehmen, falls Sie noch Fragen oder Anregungen haben.

Natürlich sind Sie immer und jederzeit herzlich eingeladen, einen der vielen Gottesdesdienste in unserem Kirchenkreis persönlich zu besuchen. Ob Familiengottesdienste, musikalische Gottesdienste, Gottesdienste in anderer Form - die Möglichkeiten sind vielfältig, die Auswahl ist groß. Um Ihnen bei der Auswahl zu helfen, haben wir unter dem Menüpunkt "Veranstaltungen" einen Suchfilter eingebaut.

Datum
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Name
Do. 23.07.15
Der Rote Faden im meinem Leben, Bürgerkanzel…
Bürgerkanzel
Der Rote Faden im meinem Leben, Bürgerkanzel der Stadtkirchengemeinde am 7. Juni, Andreas Weber

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Liebe Gäste dieses Gottesdienstes in unserer Stadtkirche,

vor knapp einem halben Jahr wurde ich durch Pastorin Krüger gefragt, ob ich auch einmal eine Bürgerkanzelpredigt halten wolle und habe sofort gerne zugesagt. Ich freue mich, dass zu diesem Gottesdienst so viele gekommen sind.

So stehe ich jetzt hier und möchte Ihnen etwas über den „Roten Faden in meinem Leben“ berichten.

Viele werden sich jetzt fragen: Welchen Roten Faden meint er denn und was soll das bedeuten? Das möchte ich Ihnen gerne erklären.

Ich habe Ihnen hier ein 2m langes Stück Seil mitgebracht. Es ist sehr flexibel, sehr reißfest, lässt sich gut knoten, liegt gut in der Hand und kann als Gebrauchsgegenstand viele Dinge miteinander verbinden und hat damit eine wichtige Funktion. Man muss sich auf dieses Seil verlassen können, dass es vor allem hält. Bei Bergsteigern und im Rettungsdienst hängt häufig sogar das eigene Leben von der Reißfestigkeit eines solchen Seiles ab.

Woraus besteht nun dieses Seil, dass es solche eine Kraft und verbindende Funktion hat? Es besteht zunächst aus vielen einzelnen Fasern, die dann zu 8 Faserbündeln zusammengelegt und schließlich wiederum miteinander verflochten sind, die ihm insgesamt die Stabilität und Reißfestigkeit geben.

Durchsetzt ist dieses Stück Seil aber mit einem roten Faden, der immer wieder aus dem Geflecht herausragt, dann wiederum im Verborgenen bleibt, dem Seil insgesamt auch seine Festigkeit gibt … Wenn er fehlen würde, würden alle anderen Fäden instabiler werden, etwas weniger Halt haben und auch nicht solch eine hohe Reißfestigkeit haben. Weiterhin gibt der rote Faden dem Seil neben der Stabilität auch ein schöneres Aussehen, sonst wäre das Seil doch schon ganz schön langweilig. Außerdem gibt er auch die Richtung der Verflechtungen an, für alle Fäden insgesamt in diesem Seil.

 

Was hat dieses Bild - dieses Seil - aber mit meinem Leben zu tun?

Auch mein Leben besteht aus vielen einzelnen Fäden, in meiner Jugend, Erziehung, viele Erfahrungen mir mitgegeben von meinen Eltern, den Freunden, dem Leben im Sportverein – ob beim Fußball-, Basket- oder Handball, in der evangelischen Jugend, in der Schule, im Beruf, in der Familie, mit den Kindern und schließlich mit den Enkelkindern. Alles einzelne Fäden, die miteinander verbunden und durch die unterschiedlichsten Verflechtungen ihre Flexibilität und Belastungsfähigkeit erhalten. Durchsetzt mit einem roten Faden, der in meinem Leben nicht durchgängig da ist, sondern immer wieder auftaucht in meinem Leben, den einzelnen Fäden Halt gibt und auch- wenn er offensichtlich einmal nicht zu erkennen ist, trotzdem vorhanden ist.

Dieser rote Faden in meinem Leben ist der christliche Glaube, der sich bei mir am ehesten an dem Bibelspruch, 1. Korinther, Kap. 13, Vers 13 festmacht. „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; am größten aber unter diesen ist die Liebe!“

Diese drei Elemente des christlichen Glaubens haben mein Leben immer wieder geprägt, geprägt vor allem auch hier in der Stadtkirche. Hier bin ich getauft worden, hier habe ich als Jugendlicher mit dem damaligen Pastor Michael-Peter Stegen schon gemeinsam meine Konfirmation gefeiert, habe Kindergottesdienste selbst mit vorbereitet und gehalten, habe Familiengottesdienste gestaltet, in der evangelischen Jugend meine große Liebe und jetzt seit 36 Jahren Ehefrau Claudia kennengelernt, mit der ich schließlich hier kirchlich getraut wurde. Der damalige Trauspruch wurde uns von Michael-Peter Stegen empfohlen - raten Sie einmal welcher es war: 1. Korinther, Kap. 13, Vers 4-7: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht auf, sie stellt sind nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre, sie lässt sich nicht erschüttern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeiten, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.

Auch alle unsere drei Kinder wurden hier in der Stadtkirche getauft und schließlich hier konfirmiert. Eine anschauliche Verbindung über dieses ehrwürdige Gotteshaus zu der Stadtkirchengemeinde und dem christlichen Glauben, besser lässt es sich kaum verdeutlichen.

Doch bin ich selbst eigentlich kein so entschieden glaubender Mensch, sondern immer wieder zaudernd, bei so vielen menschlichen Katastrophen, die ich auch in meinem 38jährigen Berufsleben bei der Polizei in Bremen habe erleben müssen. Wo ich mich immer wieder gefragt habe: Warum lässt Gott, wenn es ihn gibt, so etwas zu? Warum können die Menschen nicht vor so viel Verzweiflung, tragischen Verlusten, Streit untereinander, den vielen körperlichen und seelischen Verletzungen, die sie sich gegenseitig beibringen, nicht bewahrt werden. Eine Antwort darauf fällt uns allen wohl sehr schwer.

Andererseits gibt es auch viele andere Dinge, die mich immer wieder in meinem brüchigen Glauben bestärkt haben. Dass ich in unserem Gemeindehaus meine liebe Frau kennenlernen durfte, dass wir drei tolle Kinder haben bekommen dürfen. Das Wunder zu erfahren, wenn zwei Zellen mit ihren Erbinformationen zusammenkommen, daraus durch die abermillionenfache Zellteilung ein menschlicher Organismus entsteht, der in seiner Kompliziertheit kaum zu überbieten ist, Millionen von Funktionen darin enthalten sind, die aufeinander abgestimmt sind, um gemeinsam funktionieren zu können, Bewegungen zu erzeugen, zu wachsen, Intelligenz entwickelt, lernen kann, Beziehungen pflegen kann, Emotionen produzieren kann und sich schließlich sogar fortpflanzen kann, dass die Menschheit durch Kinder und Kindeskinder weiter leben kann. Wehe, wenn nur die kleinste Funktion ausfällt, ein Defekt vorhanden ist, schon bricht dieses so wunderhafte aber auch instabile Konstrukt zusammen.

Ist es möglich, dass dieses alles so funktioniert, ohne dass es einen Gott gibt, ohne dass es einen gibt, der schützend die Hand über uns hält, uns vor gefährliche Aktionen bewahrt, der uns leitet und uns zu einem Guten führt, der uns einen roten Faden für unser Leben liefert?

In unserem Gott, unserem Herrn und seinem Sohn Jesus Christus habe ich diese Orientierung für mein Leben gefunden, die mich anhält und auffordert, mich für mehr Gerechtigkeit, der Förderung des Miteinanders, für Familien, dem Schutz von benachteiligten Menschen, für die Integration von Fremden und vielen weiteren erstrebenswerten Zielen einzusetzen.

Immer wieder gab es sogenannte „Zufälle“ in meinem Leben, die mich in meinem zögerlichen Glauben bestärkten, wieder an Gott zu glauben, wovon ich Ihnen gerne berichten möchte:

denn genau - wie vielleicht auch bei Ihnen - gab es in meinem Leben entscheidende Weichenstellungen, die Veränderungen zur Folge hatten, ohne die es eine so positive Entwicklung in meinem Leben nicht gegeben hätte.

Häufig waren es sogar Krisen, aus denen die Chance auf eine Veränderung entstanden:

Von den vielen Beispielen möchte ich Ihnen in drei exemplarischen Fällen in aller Kürze berichten:

Erstens: War es ein Zufall, dass ich meine Frau damals in der evangelischen Jugend traf, die zufällig bei der Silvesterfeier auftauchte, gerade durch einen Freund angesprochen worden war, erstmalig auch daran teilzunehmen, sonst aber niemals Zugang zu uns gefunden hatte? Sie hat schließlich das Lebensglück für mich mitgebracht, gemeinsam glücklich leben zu können, gemeinsam Ziele zu verwirklichen, eine Familie zu gründen und aufzubauen, mir Stabilität zu geben und in Momenten der Not zu helfen, sich ansonsten immer mit mir einfach nur gemeinsam zu freuen.

Zweitens: War es Zufall, dass meine Frau und ich vor über 6 Jahren gemeinsam als Fußgänger auf der Ärztehauskreuzung von einem Pkw angefahren wurden, schwerverletzt – ich mit kaputtem Knie und meine Frau mit 3 Halswirbelbrüchen – nur wenige Meter voneinander auf dem Asphalt liegen bleiben mussten, beide ins Rotenburger Krankenhaus eingeliefert wurden, dort eine unheimlich herzliche und erfolgreiche Behandlung durch Prof. Schulte und Prof. Kolenda erhielten, dass wir weitestgehend wieder hergestellt wurden, als wenn nichts passiert gewesen wäre. War es dabei ein Zufall, dass mein Polizeipastor Peter Walther meine Anordnung , dass uns in den ersten Tagen niemand besuchen solle, nicht befolgte, sondern wie er sagte: er nur einen Chef habe, auf den er hören müsse, das sei der liebe Gott und der sage ihm, dass er uns besuchen solle, uns gemeinsam mit Pastor i.R. Hans Willenbrock und den damaligen Krankenhausseelsorger Martin Gerner-Beuerle sowie Rolf Hirte eine solche seelisch unterstützende Begleitung mit Andachten und gemeinsamen Gebeten gab, dass wir uns wieder vollkommen erholen konnten und zumindest seelisch kein Schaden zurückgeblieben ist, wir vielmehr den Eindruck gewonnen haben, dass wir dadurch psychisch stärker geworden sind.

Ist es dann auch in der Folge ein Zufall, dass wir aus unserem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber unserem Beschützer noch an Krücken laufend und Halskrause tragend hier in die Stadtkirche kamen und Pastor Michael Alex gerade über den ungläubigen Thomas predigte und uns von dieser Kanzel herab dann persönlich begrüßte, dass auch zwei Menschen wieder unter ihnen seien, die gerade die Erfahrung gemacht hätten, dass es einen großen Schutzengel gibt, und uns aus dem Johannesevangelium mit auf den Weg gab:

Kapitel 20/ Vers 29) „Und Jesus sprach zu Thomas: „Weil du mich gesehen hast, hast Du geglaubt. Selig sind die, welche nicht sehen und doch geglaubt haben.“ Und Pastor Alex ergänzte sinngemäß: Seien Sie wieder herzlich willkommen in unserer Gemeinde!

Wir hatten Tränen in den Augen, so gerührt waren wir gewesen.

War es drittens und schließlich später ein Zufall, dass vor ca. 4 Jahren um diese Zeit herum kurz nach dem Tod meines Vaters, also in einem Moment, wo man sich als Sohn ohnehin auch viele ernsthafte und dankbare Gedanken um die erlebte Vergangenheit und um die persönliche Zukunft macht, dass unser Freund und Stadtratsabgeordnete Gilberto Gori mich bei Sonnenschein auf dem Rotenburger Wochenmarkt vor dem Rathaus ansprach, ob ich nicht einmal für die Kommunalwahl für den Stadtrat kandidieren wolle. Ich sagte spontan zu und wurde mit nicht geahnten vielen Stimmen gleich direkt in den Stadtrat gewählt.

Viele Zweifel hegten sich anschließend, ob das alles richtig war, neben der aufreibenden Leitung des Landeskriminalamtes in Bremen, mich so sehr in Rotenburg in die Politik einbinden zu lassen, gerade als es auch von Monat zu Monat immer mehr in Gedanken in Richtung einer Bürgermeister-Kandidatur ging. Da habe ich immer wieder auch den Weg hier in die Stadtkirche gesucht, um vielleicht doch einen guten Rat oder Hinweis zu bekommen.

Als eines Tages durch den damaligen Superintendenten Hans-Peter Daub das Pastoren-Ehepaar Heide und Uwe Keilhack verabschiedet wurden, er damals davon sprach, dass man einfach den Mut fassen müsse, einmal etwas völlig Neues machen zu müssen, zu dem man sich berufen fühle, - in meinen Gedanken: so wie es die Jünger von Jesus damals auch getan hätten - dann lägen darin für den betroffenen Menschen große Chancen, sein Leben vollkommener zu gestalten, auch wenn es für ihn immer ein etwas größeres Risiko gäbe, als wenn man diesen Veränderungsschritt nicht ginge.

Ich war mir anschließend sicherer, dass der Weg für mich und meine Frau der richtige sei, auch wenn er viel Ungewisses mit sich bringen würde. Ich wusste, dass wir nicht alleine gehen müssten, sondern auch mit Gottes Hilfe und Begleitung gehen werden. Immer wieder, wenn ich in wichtigen Situationen, an sogenannten Weichenstellen stand, konnte ich mich zurückfallen lassen, mich besinnen auf meinen Glauben an Jesus Christus, von ihm und seinem Vorbild lernen, bekam Hilfestellungen und Ratschläge, die mich in meiner Entscheidungsfindung für mein persönliches Leben als segensreich empfinden konnte.

Für eine gewisse Zeit waren meine Zweifel an der Existenz Gottes wieder etwas weniger groß.

„Glaube, Hoffnung und Liebe sind die drei, am größten aber unter diesen ist die Liebe.“

Diese drei Glaubenssäulen sind der rote Faden durch mein Leben, ein roter Faden, der mir Hilfe, Stabilität, Orientierung und vor allem Sicherheit gegeben hat.

Geradezu, wie in diesem Stück Seil - der rote Faden gibt dem Seil und all seinen Fäden Struktur, Stabilität und damit eine größere Reißfestigkeit und Belastbarkeit gibt, ja insgesamt dem Seil auch etwas mehr an Schönheit, an Ästhetik.

Und Jesus sprach zu Thomas: Weil Du mich gesehen hast, hast Du geglaubt. Selig sind diejenigen, welche nicht sehen und doch geglaubt haben!

Für Sie alle habe ich zur Erinnerung an den Roten Faden in meinem Leben ein Stück von diesem Seil mitgebracht und möchte Ihnen am Ende dieses Gottesdienst am Ausgang der Stadtkirche solch ein Stück von meinem Roten Faden mitgeben, vielleicht haben auch Sie solch einen roten Faden in Ihrem Leben gefunden oder finden ihn noch, der Ihnen Halt, Sicherheit und Orientierung gibt. Gegebenenfalls haben Sie auch noch Zeit, sich mit mir und Frau Superintendentin Briese nach dem Gottesdienst bei einer Tasse Kaffee gemeinsam zu unterhalten.

Ich freue mich darauf und lade Sie dazu gerne ein.

 

Andreas Weber,

Bürgermeister der Stadt Rotenburg

 

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Bürgerkanzel

Bürgerkanzel
Di. 14.07.15
Suchet der Stadt Bestes, Bürgerkanzel der…
Bürgerkanzel
Suchet der Stadt Bestes, Bürgerkanzel der Stadtkirchengemeinde am 14. Juni, Karsten Müller-Scheeßel

Liebe Gemeinde!

 

Hier unterhalb der Kanzel habe ich 1953 – 1955 Sonntag für Sonntag als Konfirmand gesessen. Ruth Stalmann, die gestrenge Tochter des damaligen Superintendenten, kontrollierte die Anwesenheit. Hier halfen Gerd Janssen, Sohn des Oberkreisdirektors, und ich Pastor Fridolin Pfarr, dass die Konfirmandenprüfung nicht zu einer Blamage für Konfirmanden und Pfarrer wurde. Hier vor diesem Altar wurde ich als Konfirmand eingesegnet. Dass ich einmal auf dieser Kanzel stehen würde, war nicht vorgesehen, nachdem ich dem Rat Pastor Pfarrs an meine Eltern nicht gefolgt war, nämlich selbst Pastor zu werden. Ich gestehe jedoch, dass ich der Bitte Pastorin Krügers ohne langes Überlegen und gern entsprochen habe, heute von der Kanzel aus das Wort an Sie zu richten.

„Suchet der Stadt Bestes“ aus Jeremia 29 ist ein nicht ganz selten gewählter Predigttext. Aus einer ganzen Reihe von im Internet veröffentlichten Predigten hätte ich mir eine weitere zusammenkupfern können. Das jedoch entspricht nicht Ihren Erwartungen und nicht meinem eigenen Anspruch.

Der Predigttext gehört in das sechste vorchristliche Jahrhundert. Der babylonische König Nebukadnezar hatte Israel mit Jerusalem erobert und die Oberschicht des Volkes Israel in die Gefangenschaft nach Babylon geführt. Die Atmosphäre unter den Gefangenen wird von Trauer, Resignation, Heimweh und Selbstmitleid geprägt gewesen sein. Mit der Dauer der Gefangenschaft wird die Hoffnung auf baldige Rückkehr gesunken sein.

In dieser Situation wendet sich der Prophet Jeremia mit einem Brief an sie: „ So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin. Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte. Nehmt euch Frauen, und zeugt Söhne und Töchter. Nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären. Mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn. Denn wenn ihr’s wohl geht, so geht’s auch euch wohl.“

Kein Wort des Trostes, sondern eine unmissverständliche Aufforderung, sich in Feindesland einzurichten, und mehr noch, sich aktiv für das Wohl dieser Stadt, dieses Landes einzusetzen, für die Stadt und die in ihr lebenden Zwangsherren gar zu beten. Und dann die Behauptung des Propheten, dass es ihnen selbst wohl gehen würde, wenn sie so handelten. War das nicht eine Zumutung eines von allen guten Geistern verlassenen Propheten?

Ich will mich dem Text in zwei Schritten nähern. Erstens: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Zweitens: Wenn es der Stadt wohl geht, so geht’s euch auch wohl.

Suchet der Stadt Bestes und betet zum Herrn!

Überall dort, wohin uns unser Lebensweg führt, sollen wir uns einrichten, uns tätig und betend dem Gemeinwesen zuwenden, in dem wir leben. Und das ganz gleich, ob wir, wie in unserem Text, gegen unseren Willen als Gefangene unter Fremden oder von jeher dort leben. Ganz gleich auch, ob wir mit einer fremden Kultur und Sprache konfrontiert sind oder zu den dort lebenden Einheimischen gehören.

Versetzen wir uns in unsere Zeit und in unser Land, dann liegt der Bezug auf die vielen Flüchtlinge und Asylbewerber, die in unserem Land eine menschenwürdige Existenz und häufig eine neue Heimat suchen, nahe. Sie sind zwar nicht als Gefangene, aber eben auch nicht freiwillig hier. Bittere materielle Not, politische, ethnische und religiöse Verfolgung haben sie aus ihren Heimatländern aufbrechen lassen. Ist es da nicht eine Zumutung zu erwarten, dass sie sich für das Wohl unseres Gemeinwesens einsetzen? Haben sie nicht ganz andere Sorgen? Selbstverständlich haben sie sie. Da sie jedoch gekommen sind, um in unserem Land einen neuen Anfang in eine hoffentlich bessere Zukunft zu machen, müssen sie neben vielen kleinen und größeren Hilfen, die sie erhalten und brauchen, von sich aus aktiv werden. Sie müssen ihr Leben in die eigene Hand nehmen, so wie sie das mit Verlassen ihrer Heimat bereits getan haben. Sie müssen sich mit den kulturellen Gepflogenheiten bei uns bekannt machen, ohne sie zu übernehmen, und sie müssen unsere Sprache so schnell wie möglich lernen. Das ist ihr erster und vielleicht wichtigster Beitrag für das Wohl unseres Gemeinwesens. Erst der Spracherwerb lässt mich teilhaben am Leben im neuen Gemeinwesen. Erst dann gehöre ich dazu in der Nachbarschaft, in der Schule, im Verein, am Arbeitsplatz, wenn ich denn endlich eine Arbeitsgenehmigung bekommen haben sollte. Wenn ich mich verständlich machen kann, kann mir auch eher geholfen werden. Ja, das Erlernen der deutschen Sprache tut unserem Gemeinwesen gut. Gegenseitiges Verständnis ist Voraussetzung für ein möglichst konflikt- und spannungsarmes Zusammenleben von Menschen allgemein und besonders von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Spricht man unterschiedliche Sprachen, kann man nicht kommunizieren. Missverständnisse und Isolierung und daraus resultierende Vorurteile schießen ins Kraut.

Am Mittwoch der vergangenen Woche wurde im regionalen Fernsehen über einen Jugendlichen berichtet, der im Februar als Flüchtling mit seiner Familie aus Syrien nach Hamburg-Bergedorf gekommen war. Da die Familie zunächst in Zypern gelandet war, soll die Familie dahin zurückgeführt werden. Das stößt auf heftigen Widerstand der Fußballmannschaft sowie der Schule des Jungen. Der Junge kann nicht nur gut Fußball spielen, sondern er hat erstaunlich schnell Deutsch gelernt. Der Junge tut offensichtlich seiner Fußballmannschaft und seiner Schule gut. Ohne den erstaunlich schnellen Spracherwerb ist es kaum denkbar, dass sich sein Umfeld so für ihn und seine Familie einsetzt.

Ob Cem Oezdemir, Dunja Hajali, Mesut Özil, Gilberto Gori und Ärzte am Diakoniekrankenhaus, um hier in Rotenburg zu bleiben: Die Beherrschung der deutschen Sprache ist die Eingangspforte zur Integration und dazu, sich für das Wohl unseres Gemeinwesens überhaupt erst einsetzen zu können.

Ich verstehe unseren Predigttext jedoch auch so, dass nicht nur Fremde der Stadt Bestes suchen sollten. Wir, die hier Geborenen und Lebenden, sind aufgefordert, sich mit ihren individuellen Gaben und Fähigkeiten für die Gemeinschaft, unsere Dörfer und Städte, unser Land einzusetzen. Die Lebensqualität hängt landauf landab entscheidend vom ehrenamtlichen Engagement von uns Bürgern ab. Für uns selbst und für einen demokratischen Staat, der seinen Bürgern großen gestalterischen Freiraum für eigene Aktivitäten lässt, wäre es ein großer Verlust, wenn diese Freiräume nicht genutzt würden. Denken Sie einmal einen Augenblick darüber nach, welche ehrenamtlich geführten Einrichtungen, Initiativen und Vereine für Sie einen Mehrwert bedeuten, und stellen Sie sich vor, dass es alle diese für Sie wichtigen Dinge und Veranstaltungen nicht gäbe. Ich denke, das möchten wir uns nicht einmal vorstellen.

Auf zwei ehrenamtliche Tätigkeitsbereiche möchte ich etwas näher eingehen, die kommunalpolitische und die kirchliche.

Wir alle wissen, dass die politischen Parteien Schwierigkeiten haben, geeignete Persönlichkeiten zu finden, die bereit sind, mit oder ohne Parteibuch für unsere Stadt- und Gemeinderäte und die Kreistage zu kandidieren. Das gilt in der Regel auch für die Mehrheit derjenigen Menschen, die sich in Bürgerinitiativen gegen neue Baugebiete, Massentierhaltung, Fracking, eine neue Stromtrasse u.a. organisieren. Häufig sind es persönlich Betroffene. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber für auf Dauer einer Legislaturperiode oder länger angelegten politischen Einsatz sind sie nur schwer zu gewinnen. Und seien wir ehrlich, kommunalpolitische Tätigkeit ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Im Gegenteil. Was müssen unsere Ratsfrauen und Männer sich an Beschimpfungen und herabsetzender Kritik in Leserbriefen oder inzwischen längst auch anonym im Netz gefallen lassen. Denken Sie nur an den Leserbrief gegen Bürgermeister Andreas Weber, der sich zum Kita-Streik um eine ausgewogene, die Interessen aller Beteiligten berücksichtigende Stellungnahme bemühte. Eine Kreistagsabgeordnete erzählte mir, dass sie nach einer Äußerung anlässlich einer Podiumsdiskussion zur Frage der Schließung des Zevener Krankenhauses mit einem wahren Shitstorm überzogen worden sei. Dabei hatte sie nur gesagt, dass sie nicht hoffe, dass man im Falle eines Weiterbetriebs des Hauses, in wenigen Jahren wieder über das gleiche Thema diskutieren müsse. Überzogene, unmäßige und unsachliche Kritik müssen sich also längst nicht mehr nur unsere Landes- und Bundespolitiker bieten lassen. Die werden wenigstens mehr oder weniger leidlich bezahlt. Unsere Ratsfrauen und Herren erhalten lächerliche Aufwandsentschädigungen und opfern neben ihrer beruflichen Tätigkeit eine Menge Zeit. Für uns, für unser Gemeinwesen. Sie haben zumindest unseren Respekt verdient. Grundsätzlich sollten sie bei aller berechtigten Kritik von uns unterstützt und ermutigt werden. Auch ein Lob oder Dank und das über Parteigrenzen hinweg kann nicht schaden. Unser demokratisches Gemeinwesen, dem bei Wahlen immer mehr Bürgerinnen und Bürger gleichgültig bis abweisend gegenüberstehen, würde schlimmen Schaden nehmen, wenn wir zu wenige geeignete Menschen für kommunalpolitische Aufgaben fänden. Auch unsere häufig als Feierabendpolitiker herabgesetzten Abgeordneten in Dörfern und Städten suchen der Stadt Bestes, damit es uns wohl geht. Dass es bei der Frage, was denn das Wohl der Stadt sei, kontrovers zugehen kann, ist normal. Auch Kommunalpolitik ist schließlich das Ringen um einen für eine möglichst große Mehrheit akzeptablen Kompromiss.

Mit ehrenamtlicher Arbeit im kirchlichen Bereich bin ich auf unterschiedlichen Ebenen vertraut. Sechs Jahre Kirchenvorstand, 12 Jahre Landessynode, mehr als 20 Jahre Kuratorium und Aufsichtsrat in unserem Diakoniekrankenhaus und seit 2008 Vorsitzender der Scheeßeler St.-Lucas-Stiftung haben mir vielfältige Einblicke in kirchliche Strukturen vermittelt. Verglichen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen kann sich die Kirche unter dem Strich über mangelndes ehrenamtliches Engagement, so mein Eindruck, nicht oder noch nicht beklagen. Gemeindeglieder für längerfristige Aufgaben, wie das sechsjährige Amt des Kirchenvorstehers, zu gewinnen, ist auch bei uns schwerer geworden. Gott sei dank sind viele bereit, projektbezogen mitzuarbeiten. Wir alle wissen aber, dass attraktive Gemeindearbeit bei rückläufigen finanziellen Mitteln nur durch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufrecht zu erhalten ist. Und da, so meine Erfahrung, muss Kirche lernen noch sorgsamer mit Ehrenamtlichen und besonders ihrer Zeit umzugehen. Wenn wir nicht nur Rentnerinnen und Rentner, sondern auch aktiv im Beruf stehende Menschen für die Mitarbeit bei uns begeistern wollen, muss die Gremienarbeit auf das Notwendigste reduziert werden. Straffes Arbeiten und Zeitmanagement habe ich in den Gremien des Diakoniekrankenhauses kennengelernt. Um ein solches bemühe ich mich sehr in unserer Scheeßeler Stiftung, die nur dreimal jährlich für eine bis maximal anderthalb Stunden tagt und trotzdem sehr effizient arbeitet. Die monatlichen Kirchenvorstandssitzungen dagegen in den 80er Jahren dauerten bisweilen bis Mitternacht. Und in der Synode ging es flott erst in der letzten Sitzung zu, wenn alle nach Hause drängten. Mein unmaßgeblicher Rat: Reduzieren wir die Zahl der Gremien, die Zahl der Sitzungen und deren Dauer. Qualifizierte Mitarbeiter lassen sich sonst noch schwerer gewinnen.

Lassen Sie mich noch eine kritische Anmerkung zur zeitraubenden Gremienarbeit machen. Unsere Hauptamtlichen drohen, so mein Eindruck, darin zu ersticken. Zumindestens treffe ich Diakone und Pastoren viel zu selten in ehrenamtlicher Arbeit außerhalb des innerkirchlichen Raumes an. Weil unsere Sonntagsgottesdienste in der Regel nur noch schwach besucht werden, ist auf Synoden-, Ephoren- und Pastorentagungen und in entsprechenden Handreichungen immer wieder die Rede davon, dass unsere Kirche eine die Menschen aufsuchende sein solle und müsse. Wäre es nicht ein Gewinn für unsere Kirche, wenn wir hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern in Vorständen von Sportvereinen, beim Roten Kreuz, in Schulvorständen, beim Nabu oder anderswo begegnen würden. Dort wo sich Menschen engagieren. Ich denke, es lohnt sich darüber nachzudenken, dafür die innerkirchliche Gremienarbeit zu verschlanken.

Wenn es der Stadt wohl geht, dann geht’s auch euch wohl

Es bedarf keiner ausführlichen Erläuterung, dass es uns auf den ersten Blick gesehen besser geht, wenn wir in einem wirtschaftlich florierenden Ort leben. Die sog. Infrastruktur ist dann in der Regel intakt: Schulen und Kindergärten sind gut ausgestattet, Sportplätze, Frei- und Hallenbäder vorhanden, La Strada, kulturelle Veranstaltungen vielfältiger Art und Sportvereine werden finanziell unterstützt, Straßen und Fahrradwege sind gepflegt. Aber die Atmosphäre, das Miteinander in der Stadt sind davon nicht allein abhängig. Sie werden von den Menschen bestimmt, die in ihr leben, wirken und gestalten und auch davon, wie sie z.B. hier in Rotenburg mit Behinderten und mit Fremden umgehen. Wenn die Israeliten in babylonischer Gefangenschaft sich für das Beste der Stadt einsetzen, aber mit allen Aktivitäten bei der einheimischen Bevölkerung auf Ablehnung stoßen, dann kann es ihnen nicht wohl gehen. Dazu gehören immer beide Seiten.

Dass unsere Gemeinwesen an Qualität gewinnen, wenn Fremde wie Einheimische sich ehrenamtlich einsetzen und einbringen, ist für Jeden von uns aus eigenem Leben nachvollziehbar. Was wäre Rotenburg ohne den Kirchenmusik- und den Konzertverein, ohne die Kulturinitiative, die Sportvereine, das Wirtschaftsforum, die Lions, Leas und Rotary, die Tafel, Arbeitskreis Asyl oder Nabu? Hinter allen Institutionen und Initiativen stehen Menschen, die die Stadt und das Leben in ihr lebenswert machen und dafür keine Entschädigung erhalten.

Haben diese ehrenamtlich tätigen Menschen gar nichts davon? Doch sie haben. Es geht ihnen nicht nur wohl, weil sie dazu beitragen, dass es der Stadt wohl geht, sondern für ihren ehrenamtlichen Einsatz werden sie in ganz eigener Weise belohnt. In welcher Weise, das möchte ich am Beispiel meiner eigenen vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeit verdeutlichen. Ehrenämter haben mich von Beginn meiner beruflichen Tätigkeit an begleitet: Im Sport, in der Kirche, im evangelischen Schulbund, dem die Eichenschule viele Jahre angehörte, und noch heute als Archivar meiner Heimat Scheeßel. Alle Tätigkeiten haben mein Leben bereichert, haben es neben einem erfüllenden Beruf ein Stück abwechslungsreicher und spannender gemacht. Ich habe eindrucksvolle Menschen kennengelernt, denen ich sonst nicht begegnet wäre. Ich habe über meinen Beruf hinaus viel dazugelernt.

Liebe Gemeinde, so meine ich, dass „suchet der Stadt Bestes“ eine zutiefst demokratische und christliche Forderung an uns ist. Gerade als Christen sind wir gehalten, uns in die Gesellschaft einzubringen und einzumischen, damit sie lebenswert und demokratisch bleibt. Meinem Herrn bin ich dankbar, dass ich versuchen darf, dazu mit den mir geschenkten Gaben beizutragen.

Amen

 

 

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Mo. 18.05.15
Da berühren sich Himmel und Erde
Yorick Schulz-Wacker…
Da berühren sich Himmel und Erde

Es gibt Dinge im Leben, die sollten gefeiert werden: Es wäre traurig, wenn wir einen Geburtstag nicht zum Anlass nähmen, einem lieben Menschen zu sagen: „wie schön, dass du geboren bist!“ Es wäre schade, wenn wir einen Hochzeitstag verstreichen ließen, ohne uns daran zu erinnern, wie die große Liebe einst begann. Wir brauchen Feiertage, um uns das, was uns wichtig ist, immer wieder vor Augen zu führen. So auch am Feiertag vor zwei Tagen: „Papa, ich hab dich lieb! Du bist der beste Vater der Welt!“ Auch der Vatertag bietet uns einen Anlass, um das, was uns sonst schwer über die Lippen kommt, zum Ausdruck zu bringen – vielleicht mit einer Karte oder mit einem Geschenkgutschein für den Baumarkt. Donnerstag war aber nicht nur Vatertag. Der eigentliche Grund, warum wir am Donnerstag nicht zur Arbeit mussten, ist ein anderer: Himmelfahrt. Aber was wird da eigentlich gefeiert und warum ist uns das so wichtig, dass wir diesen Tag nach wie vor als gesetzlichen Feiertag schützen?

Anlass von Himmelfahrt ist das Ende der Geschichte des Menschen Jesus auf der Erde: „Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“. So lautet der vorletzte Satz in der Geschichte von Jesus, wie sie der Evangelist Lukas aufgeschrieben hat. Jesus hatte Menschen erzählt, dass Gott, der die Liebe ist, mitten unter uns Menschen zu finden ist. Er hatte Menschen gezeigt, dass wir zu mehr fähig sind als Neid, Hass und Gewalt. Gott ist es, der uns zur Rücksicht, zum Mitgefühl und zur Hingabe für unseren Mitmenschen befähigt. Aus dieser Botschaft haben Menschen Heilung und Heil erfahren und Kraft und Hoffnung geschöpft. Mit dieser Botschaft passierte „Himmlisches“ mitten in den Dunkelheiten menschlicher Existenz. Jesus war ein Lichtblick, ein Blick in den Himmel. Mit seiner Botschaft der Liebe berührten sich Himmel und Erde. Seine Himmelfahrt veranschaulicht diese Verbindung der „Welten“. Der Feiertag Himmelfahrt ist ein Anlass, mit Dankbarkeit an eben jene Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde im Leben zu denken: „wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden, wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, dass Frieden werde unter uns.“ Gut, dass es diesen Feiertag gibt!

 

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Yorick Schulz-Wackerbarth

Yorick
Schulz-Wackerbarth
Vikar in der Kirchengemeinde Fintel
So. 05.10.14
Erntedankfestgottesdienst
Haike Gleede
Erntedankfestgottesdienst

Liebe Gemeinde,

so wie wir heute, so saßen sie damals auch zusammen. Damals, im Jahr 89 nach der Geburt Jesu. Es gab nicht mehr viele, die Jesus noch persönlich gekannt haben. Die kleine Gemeinde Jesu Christi traf sich heimlich, keiner durfte davon wissen. Die an Jesus Christus glaubten wurden verfolgt. Ein paar Jahre zuvor hatte der römische Kaiser behauptet, die Christen hätten die Stadt Rom, die Hauptstadt, angezündet und in Schutt und Asche gelegt. Natürlich wussten alle, dass der Kaiser selbst oder einer seiner Leute das Feuer gelegt hatte. Aber es war so einfach, zu behaupten: Die da, diese Christen, die sind schuld … So war das damals, so ist das manchmal auch heute noch: die sind schuld, die werden ausgegrenzt, verfolgt, inhaftiert.

Die kleine Christengemeinde kam vor Sonnenaufgang zusammen, damit niemand etwas merkte. Enggedrängt saßen sie da und sangen ein Loblied. Einen Priester gab es nicht. „Wir brauchen keinen Priester, sagen sie, wir brauchen nur einen, der von Gott und von Jesus Christus erzählt. Wir sind doch das Gottesvolk. Einer muss uns von den heiligen Schriften erzählen, uns sagen und auslegen, was das alles bedeutet.“

Sie brauchten keinen Priester, der das Schlachtopfer darbrachte, um Gott die Ehre zu geben. Das war mit Jesus ein für allemal vorbei.

In der frühen Morgenstunde versammelten sie sich, ein wenig müde noch, aber mit dem dringenden Bedürfnis: auch heute Morgen wollen wir unser Leben Gott anvertrauen, zu ihm beten und ihn bitten um Beistand für diesen neuen Tag und was er bringen wird.

Als sie gesungen und gebetet hatten, stand einer von ihnen auf, einer der Kirchenältesten. Er  tritt vor die anderen und beginnt zu sprechen: »Wir haben einen Brief bekommen: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.« »Amen« murmeln einige – „das ist wahr.«

Ich lese euch jetzt einen ganz wichtigen Teil vor, sagt der, der den Brief in der Hand hält.

Textlesung Hebr 13,15–16

Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit und in jeder Lebenslage Dankopfer darbringen; das heißt: Wir wollen uns mit unserem Beten und Singen zu ihm bekennen und ihn preisen.

Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Das sind die Opfer, an denen Gott Gefallen hat.

 

Wir kehren jetzt in unsere Zeit zurück. Wir waren Gäste, stille Zuschauer eines Gottesdienstes vor vielen Jahrhunderten. Aber wir nehmen etwas mit.

„Wir wollen uns mit unserem Beten und Singen zu ihm bekennen und ihn preisen“

Dass wir hier diesen festlichen Gottesdienst feiern – allein das ist schon Grund zu danken. Der Kirchenchor bringt das Lob Gottes und unsere Dankbarkeit in seinen Liedern zum Klingen.

Sich zu Christus zu bekennen – das geschieht auch in der Taufe. Sie haben heute ihren Sohn Louis in die Kirche gebracht. Sie sind mit ihm vor den Altar getreten und haben ihn taufen lassen. Damit haben sie sich zu Jesus Christus bekannt als Gottes Sohn. Aber auch Dankbarkeit und Lob schwingen da mit in ihren Herzen für dieses Kind.

 

Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen.

 

Die Erntegaben, die unseren Altar schmücken, zeigen unsere Dankbarkeit. Gott als Schöpfer dieser Erde schenkt uns, was wir zum Leben brauchen.

Es ist an uns , diese Güter gerecht zu teilen.

Aber es gibt noch mehr Gaben, die wir miteinander teilen oder einander mitteilen können. Denn auch für das Wort, das Gott uns schenkt, sind wir dankbar. Bekanntlich können wir das Wort, das uns hilft, nicht selber sagen. Wir brauchen Menschen, die es uns weitersagen. Darum bringen wir auch den Dank für Menschen wie dich, Astrid vor Gott. Darum sollst du jetzt auch das Wort haben:

 

 Liebe Gemeinde,
Ich möchte unserem himmlischen Vater durch seinen Sohn Jesus Christus danken, dass ich heute im Rahmen des Erntedankgottesdienstes hier in Horstedt als Lektorin eingeführt werde und den Gottesdienst mitgestalten darf. Die Vorbereitung dazu hat mich erfüllt und wenn ich in die Gesichter der Gemeinde schaue, dann gibt mir dieses Gefühl Lebenssinn.

Ja, Gottes Wort hier heute zu verkündigen ist eine wunderbare Tat. Dieses Gefühl wird mich sicher die nächste Woche und darüber hinaus begleiten. Ich danke Gott dafür.

Liebe Gemeinde,

Diese Worte hier und heute so zu sagen fällt mir nicht leicht. Wann sprechen wir schon so offen über unsere guten Taten. Das riecht nach Eigenlob. Das ist uns unangenehm. Dabei ermutigt unser heutiger Predigttext dazu.

Ich lese aus dem Hebräerbrief:

So lasst uns nun durch Jesus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Lobopfer, wie das klingt! Loben, ja das mache ich gerne. Dagegen ein Opfer. Opfer klingt für mich nach großer Anstrengung. Wie passen diese Worte zusammen?

Lobopfer sind besondere Worte. Worte, an denen wir lange überlegt haben und die eine besondere innere Haltung zeigen. Wenn wir diese Worte sprechen, wird uns der Moment noch lange in Erinnerung bleiben.

In unserem Gottesdienst loben wir Gott, indem wir beten und singen. Diese Lobopfer sind gute Worte, Frucht der Lippen, wie es im Predigttext heißt.

Dort heißt es weiter: „Gutes zu und mit andern zu teilen ...“ Auch andere sollen in den Genuss unserer Lobopfer kommen und ermutigt werden, Lobopfer zu erbringen.

Nelson Mandelas, einer der größten Persönlichkeiten unserer Zeit, sagte bei seiner Antrittsrede zum südafrikanischen Staatspräsidenten u.a.:

Wir sind dafür von Gott gemacht zu leuchten, so wie Kinder leuchten und dieses Licht ist in jedem einzelnen von uns!
Und wenn wir unserem Licht erlauben zu scheinen, geben wir anderen Menschen damit auch die unbewusste Erlaubnis genauso zu scheinen, wie wir selbst.“

Diese Worte machen mir Mut. Ich darf leuchten! Ich darf sagen: Gottes Wort zu verkünden ist eine wunderbare Tat!

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Di. 07.10.14
Bullerbü war gestern! - Erntedank 2014
Ina Jäckel
Bullerbü war gestern! - Erntedank 2014

"Bullerbü war gestern!"

1.

Kennst du Bullerbü? Es ist das kleine Dorf in Schweden, wo Astrid Lindgrens „Kinder von Bullerbü“ ihre Abendteuer erleben. In Bullerbü wohnen 3 Familien auf 3 Höfen mit Mägden und Knechten. Alle helfen mit: Wenn die Felder mit den Ochsen bestellt werden, wenn das Gras bei der Heuernte mit Sensen geschnitten wird. Manches schafft einer allein: z.B. mit dem kleinen Schemel auf die Wiese spazieren, um in grüner Idylle die Kühe zu melken. Die Kinder helfen fröhlich mit: Sie bringen ein bisschen Getreide zur Mühle am Fluss, wo es gemahlen wird oder jäten das Unkraut auf dem Rübenfeld.

Die Magd mistet den Stall aus. Manch kleines Lamm ohne Mama wird mit der Nuckelflasche aufgepäppelt. Darum sagt Jesus: Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen oder zu trinken habt, und um euren Leib, ob ihr etwas anzuziehen habt! Und die Kinder in Bullerbü sagen: "Uns tun alle Leid, die nicht in Bullerbü wohnen, weil es hier so schön ist.“

 

2.

Ich nenne ihn Hermann. Hermann gibt es nicht wirklich. Er könnte ein Landwirt irgendwo in unserer Gemeinde sein. Hermann findet: Ohne Bauern würden wir kein Erntedankfest feiern. Er ist stolz auf seinen Beruf. Er mag den Gedanken, dass er Hand in Hand mit Gott, dem Schöpfer arbeitet. „Gott lässt regnen, wachsen und keimen“, sagt Hermann, „ich bin sozusagen der technische Dienst, der hegt und pflegt und erntet, was Gott hat werden lassen. Wir sorgen gemeinsam dafür, dass wir alle zu Essen haben.“

Jesus sagt: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen habt.“

Hermann denkt manchmal daran, aber er findet das schwierig. Er hat sich das Jahr über genug Sorgen gemacht: Bangen um Regen, Hoffen auf Sonne – alles zur richtigen Zeit.

Die Ernte war gut dieses Jahr. Aber in Hermanns Dankbarkeit mischt sich auch viel Enttäuschung. Mit den immer neuen Forderungen der Verbraucher und Politiker steht er auf Kriegsfuß. Er kann es nicht mehr hören, was die Leute alles auf ihrem Wunschzettel haben: Mehr Tierwohl, größere Ställe.

Den Fernseher macht er gar nicht mehr an: Überdüngung, Antibiotika – Hermann sagt: „Das ist viel zu einseitig. Was gut ist, wird gar nicht erwähnt.“

Hermann melkt seine knapp 400 Kühe nicht auf der Wiese, sondern im Stall. Sein Sohn hilft dabei. So ist die Realität: Technischer Fortschritt mit riesigen Maschinen. Damit sind Kosten verbunden. Und dann der globale Weltmarkt, der immer nur neue Sorgen produziert.

Viel Arbeit, zum Teil 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, wenig Lohn.

„Davon haben die wenigsten eine Vorstellung“, sagt Hermann, „man denkt, wir sind reich, weil wir große Ställe und große Maschinen haben.“

Einen neuen Stall hat er gebaut und den alten modernisiert. Das Wohl seiner Tiere liegt ihm am Herzen. Der Preis für seine Milch ist trotzdem zum Herbst wieder gefallen.

Er ist enttäuscht und findet nicht, dass der Preis den wirklichen Wert widerspiegelt.

Wertschätzung für sich selbst und seine Produkte – die fehlt ihm.

Und auch die Bereitschaft seitens der Gesellschaft zu einer echten Auseinandersetzung.

„Die Verbraucher wollen Bullerbü mit Hahn auf dem Mist und Kühen auf der Weide“, sagt Hermann. Er fragt sich, ob das wohl dieselben Leute wollen, die Hackfleisch aus dem Ladenregal für 3,99 €/kg an die Kasse tragen.

„Macht euch keine Sorgen um euer Leben“, sagt Jesus.

Und Hermann antwortet: „Das wäre schön. Aber das geht nur, wenn sich die Verbraucher auch mal Sorgen um mich machen.“

 

3.

Erntedank und Enttäuschung – passt das zusammen?

Wenn ich Menschen wie Hermann zuhöre, fällt es mir schwer, beides voneinander zu trennen. Ja, ich bin dankbar für all das, was andere auf ihren Feldern und in ihren Ställen geerntet haben. Gott sei Dank brauche ich mir keine Sorgen darum zu machen, ob ich etwas zu essen und zu trinken habe. Menschen wie Hermann sorgen Hand in Hand mit Gott dafür, dass ich satt werde.

 

Aber wenn ich Hermann höre, merke ich, dass Erntedank nicht nur ein fröhliches Fest ist. Für Hermann ist es verbunden mit weit reichenden Fragen zur Landwirtschaft.

Ich bin kein Landwirt. Ich bin Verbraucher. Sollte es mir leid tun, dass ich nicht wie vor 100 Jahren in Bullerbü wohne, wo ein Bauer 4 Menschen versorgt hat: sich selbst und seine Familie? Es tut mir nicht leid! Ich lebe in Brockel im Jahr 2014.

Ich habe wie viele andere die Freiheit, einen Beruf auszuüben, Hobbies zu haben und im Laden einzukaufen, was ich möchte.

Ich habe wie viele andere die Freiheit und die Möglichkeit, mich versorgen zu lassen mit Dingen, die andere für mich herstellen: Essen, Trinken, Kleidung.

Gott sei Dank! Dafür verabschiede ich mich gerne von der Kinderbuch-Idylle Bullerbü, weil es auch heute schön und gut ist. „Also“, sagt Jesus, „macht euch keine Sorgen!“

Aber Hermann sagt: „Keine Sorgen machen – das geht für mich nur, wenn sich die Verbraucher auch mal Sorgen um mich machen.“

 

4.

Passen Erntedank und Enttäuschung schlecht zusammen?

Liebe Leute, ihr seid heute hierher gekommen, um euch zu freuen und zu feiern.

Ihr seid hierhergekommen, um Gottes Wort zum Erntedank zu hören.

Ich kann aber nichts dafür, wenn Gottes Wort in diesem Fall ziemlich eindeutig ist:

„Macht euch keine Sorgen um euer Leben! Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt…“

Was Gott verlangt, hat er uns längst gezeigt: Durch die ganze Bibel zieht sich seine Sorge um die, die Hilfe – in welcher Form auch immer – brauchen. Sorge um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Diese Sorge erwartet er auch von uns. Gerade, weil wir die Freiheit und die Möglichkeit haben, uns versorgen zu lassen mit allem Lebensnotwendigen.

Vertrauen auf Gottes Fürsorge und sich kümmern um die, die meiner Hilfe bedürfen – das schließt sich überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: Ich soll vom Sorgen, vom Kreisen um mich selbst lassen, damit ich den Blick frei habe für die anderen. Dann heißt Erntedankfest: Nicht nur artig Danke zu sagen, sondern dieser Dankbarkeit auch Hand und Fuß verleihen – im Blick auf andere. Andere haben auch das Recht auf ein sorgloses Leben!

 

Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn die Ansprüche von Verbrauchern und Politikern an Menschen wie Hermann steigen, aber gleichzeitig die Wirklichkeit an der Ladenkasse ganz anders aussieht? Irgendwas stimmt nicht mit unserer Dankeskultur, wenn wir bereit sind zu fordern und zu nehmen, und uns dafür nicht entsprechend revanchieren.

Wenn so vielen Menschen unwohl ist bei dem Gedanken, wie die Kuh gelebt hat,

bevor sie als Steak auf dem Teller landet, und wenn wir uns wirklich mit Landwirtschaft – ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft fern von Bullerbü – auseinandersetzen wollen,

dann sind wir alle gefragt: Alle, die wie Hermann Enttäuschung spüren, alle Bürger und Konsumenten, die Politik und Umweltschützer: Ohne offenen, kritischen Dialog geht es nicht. Danken und die Enttäuschung wahrnehmen –das gehört auch zusammen.

 

5.

Hermann hat sich was Neues einfallen lassen: Einen „Tag der offenen Tür“ auf seinem Hof. Für Menschen, die wissen wollen, woher ihr Fleisch und ihre Milch kommen.

Er findet, dass es nur so möglich sein kann, die Bilder in den Köpfen der Menschen durch die Wirklichkeit zu korrigieren. Keine gequälte Kreatur im dunklen Stall. Aber auch kein Melkschemel auf der Wiese. Keine 4 Menschen, die satt werden müssen, sondern mehr als 100. Die Wirklichkeit sieht eben anders aus als in Bullerbü. Hermann freut sich über die Menschen, die ihm erzählen, dass sie beim Netto gerne die „Plus 10 Cent“ für die Milch bezahlen, die aus ihrer Region stammt. Er traut sich zu sagen: „Vielleicht findet ja doch ein Umdenken statt?“

Danke sagen zum Erntedank – das ist eben nicht nur ein Lippenbekenntnis.

Wenn es uns ernst ist mit dem Dank, warum sich dann nicht auch dankbar erweisen?

Anerkennung zeigen, sich revanchieren: Indem wir das Gute, das wir bekommen, an andere weitergeben. So einfach. So selbstverständlich eigentlich. Gutes tun.

Augen und Herzen nicht vor denen verschließen, die Hilfe brauchen. Ohren nicht zumachen, sondern auch hinhören und sich angesprochen fühlen, wenn Hermann von seiner Enttäuschung redet – die auch mit mir zu tun hat?

Muss ich wirklich jeden Tag Fleisch essen?

Wenn ja, sollte ich mir auch sagen lassen, dass Menschen in Paraguay deswegen hungern müssen, weil sie statt Nahrungsmitteln für die eigene Bevölkerung Futtermittel für den Export anbauen.

Muss ich wirklich die allergünstigste Milch kaufen? Wenn ja, sollte ich mir auch sagen lassen, dass ich dann nicht erwarten kann, dass extra für mich ein grüner Schemel auf die Wiese zum Melken getragen wird.

Ja, so eng hängt das alles zusammen! Dankbar sein und Dankbarkeit zeigen: Das heißt dann auch: Verzichten, einfacher leben, sich beschränken – und das, was andere mir durch ihre Arbeit an Sorglosigkeit ermöglichen, auch entsprechend zu wertzuschätzen.

„Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt…“

Jesus redet Klartext.

Gott danken und nur für sich selbst sorgen – das geht nicht! Ent­weder – oder.

Lassen wir uns das sagen? Dann können wir uns mit der schön ge­schmückten Kirche und den leuchtenden Gaben hier vorne nicht zufrieden geben.

Dann müssen fröhliche Feier und enttäuschter Protest Hand in Hand gehen.

Dann dürfen wir die Augen nicht verschließen vor der Welt, in der wir leben. Diese Welt, in der es Hermann gibt und eine Politik, die viel von oben diktiert, und dich und mich irgendwie dazwischen. Von dieser Welt und von allem, was sie für uns bereithält, sagen wir: Gott, es ist deine Welt, in der du uns mit allem Notwendigen versorgst.

Schenk uns deinen Geist, unsere Sorglosigkeit und Dankbarkeit auch für andere spürbar werden zu lassen. Hinhören, sich an die eigene Nase fassen – und dann erst mitreden und Taten folgen lassen. Nicht zu viel verlangt, sondern unser angemessener Dank für Gottes Fürsorge und Menschen Arbeit.

Amen.

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Bürgerkanzel 20. Juli 2014 "Helden oder…
De van Nguyen
Bürgerkanzel 20. Juli 2014 "Helden oder Verräter? - 70 Jahre Stauffenberg - Attentat"

Bürgerkanzel 20. Juli 2014 "Helden oder Verräter? - 70 Jahre Stauffenberg - Attentat"

Jürgen Dehn

 

In der Lesung haben wir Auszüge aus dem Buch des Propheten Jeremia gehört. Dieser Jeremia trat in einer für das Reich Israel sehr schwierigen Zeit auf die Bühne der Geschichte. Israel wurde zwischen den Großmächten Ägypten und Babylon zerrieben. In dieser Zeit, etwa zwischen 626 und ungefähr 585 vor Christi trat Jeremia unermüdlich als Mahner und Warner in Erscheinung. Er wies wiederholt darauf hin, dass der König von Babel Werkzeug des HERRN sei und dessen Gericht, also  Urteil,  über Juda und Jerusalem wegen politischer, sozialer und religiöser Vergehen vollstrecke.  Jeremia wurde deswegen verfolgt, und auf ihn und seine Familie wurden  Anschläge unternommen. Die Lesung schilderte ausführlich das Handeln Jeremias während der sogenannten zweiten Belagerung Jerusalems durch die Babylonier nachdem sich die ägyptischen Truppen zurückgezogen hatten. Hier rief er nun unzweideutig zur Unterordnung, also zur Kapitulation auf und wurde deswegen erneut inhaftiert. Dank der Hilfe des Königs Zedekia einer Bestrafung entgangen blieb er nach dem Fall Jerusalems zunächst dort, ging später aber nach Ägypten, wo sich seine Spur verliert (1).

Wir würden ihn heute zumindest wegen seines Auftretens während der zweiten Belagerung  wohl als Defätisten, also als eine Art von Verräter bezeichnen. Sein Lebensschicksal könnte sogar beispielhaft für andere so genannte Verräter sein. Das wirft die Frage auf, was  denn Verrat ist und was eigentlich Verräter sind. Juristisch ist das selbstverständlich definiert, und zwar in allen Rechtsordnungen. Bei uns heute gelten zum Beispiel neben zahlreichen weiteren Paragraphen die §§ 81 und 94 StGB. § 81 regelt den Hochverrat, § 94 den Landesverrat. Hochverrat begeht zum Beispiel, wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder die auf dem Grundgesetz beruhende verfassungsmäßige Ordnung zu ändern (2). Landesverrat begeht z.B., wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht mitteilt, um die Bundesrepublik zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen (3). Aber der Begriff des Verrats geht ja weiter. Er umfasst allgemein einen besonders schweren Vertrauensbruch, der eine vermeintliche Loyalität verletzt. Wir begegnen diesem Begriff täglich: in den Medien, in den Gerichtssälen, in den Maßnahmen staatlicher Behörden im in-und Ausland. Konrad Adenauer, um mal weit genug zurückzugehen und niemandem zu nahe zu treten, Konrad Adenauer also nannte Narren oder Verräter diejenigen, die eine andere Außenpolitik als die seine für möglich hielten. Kurt Schumacher nannte umgekehrt, indem er Verrat unterstellte, Adenauer den Kanzler der Alliierten. Auch in der aktuellen politischen Auseinandersetzung wird der Begriff des Verrats durchaus nicht selten gebraucht, indem gegenseitige politische Vorwürfe damit sozusagen „gewürzt“ werden. Man kann die Demokratie verraten, die soziale Marktwirtschaft, Verrat an der europäischen Idee begehen, am Christentum wie am Islam, die Beispiele ließen sich ungezählt fortsetzen. Entsprechend schillernd ist oft der Inhalt des Verrats. Was auf der einen Seite einen im hohen Maße strafwürdigen Vertrauensbruch gegenüber seinem Staat, seinem Dienstherrn, seinem Arbeitgeber oder sogar seiner Partei darstellt, ist für die andere Seite, den Nutznießer oder gar für die Öffentlichkeit eine in hohem Maße tugendhafte und vorbildhafte Tat. Denken wir aktuell nur an die Diskussion um Edward Snowden.

So, wie sich das Rad der Geschichte dreht, wechselt auch der Inhalt des Verrats. Heute werden als Helden oder Märtyrer diejenigen gefeiert, die gestern als Verräter gehenkt wurden und umgekehrt (4). Manchmal dauert es aber seine Zeit, bis aus so genannten Verrätern Helden und Vorbilder werden. Und damit sind wir beim heutigen Sonntag, dem 20. Juli. Vor 70 Jahren versuchte eine Handvoll deutscher Offiziere unter Führung des Obersten Stauffenberg, ihr verbrecherisches Staatsoberhaupt und zugleich obersten Befehlshaber, Adolf Hitler, mittels eines Sprengstoffanschlages zu töten und mit einem Staatsstreich, der Operation „Walküre“, die Macht zu übernehmen. Mit ihrer Tat verweigerten sich die Männer des 20. Juli dem totalitären Machtanspruch des NS- Regimes, das zur Durchsetzung dieses Anspruchs tagtäglich gegen die Menschenrechte und gegen rechtsstaatliche Prinzipien verstieß (5, S.17).  Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Handelnden des 20. Juli christlich geprägt waren und diese Prägung ihr Handeln bestimmte. Das lässt sich anhand der vielen Briefe und Berichte aus der späteren Haft eindrucksvoll belegen (5, S.18). Ihr Handeln verbindet sie mit der Haltung und dem Märtyrertum der biblischen Apostel (5, S. 7). "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" so antwortet der Apostel Petrus dem Hohepriester, der ihn anklagt, in Jesu Namen zu predigen.  

Wie wir alle wissen, wurde dieser Versuch eines Staatsstreichs noch am 20. Juli in Berlin blutig unterdrückt, zahlreiche weitere eingeweihte aktive und ehemalige Offiziere der Wehrmacht wie auch zivile, wie wir heute sagen Führungskräfte, ich nenne hier nur die Namen Julius Leber und Gördeler, wurden verfolgt und in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Viele von ihnen werden die abstoßenden Filmaufnahmen mit einem geifernden Volksgerichtshofpräsidenten Freisler gesehen haben. Diese Aufnahmen waren Teil einer umfangreichen nationalsozialistischen Propaganda gegen die angeblichen „Verräter“ vom 20. Juli 1944. Diese Propaganda wirkte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach. Noch 1950 glaubte ein Viertel der Deutschen, dass der Zweite Weltkrieg aufgrund von Verrat und Sabotage verloren worden sei (6). Wie eine vom Bundeskanzleramt in Auftrag gegebene Umfrage im Sommer 1951 zeigte, lehnten etwa 60 % aller ehemaligen Berufssoldaten den Aufstand vom 20. Juli strikt ab (6).

An der blutigen Niederschlagung des Umsturzversuches in Berlin war Major Otto Ernst Remer als Kommandeur des Wachbataillons Berlin maßgeblich beteiligt. Er hatte auf Grund eines von Göbbels vermittelten Telefonats mit Hitler rasch festgestellt, dass dieser überlebt hatte und die Verschwörung in sich zusammenbrach. Stauffenberg und drei seiner Mitverschwörer wurden bereits kurz nach Mitternacht im Innenhof des Bendlerblockes erschossen. Dieser Remer, von Hitler als Dank zum Oberst befördert und im Januar 1945 zum Generalmajor ernannt (7), war 1949 einer der Mitbegründer der Sozialistischen Reichspartei (SRP). Ihre Vertreter auf höherer und mittlerer Parteiebene waren fast alle langjährige Mitglieder der NSDAP  und anderer ehemaliger völkischer Organisationen. Sie besaßen bis 1945 zum Teil einflussreiche Funktionen im Partei- und Regierungsapparat. Das politische Programm der SRP basierte auf der Weltanschauung des Nationalsozialismus. Es war vor allem gekennzeichnet durch eine totalitäre Staatsordnung und eine aus dem Führerprinzip resultierende, diktatorische Regierungspraxis sowie durch das Einparteiensystem und die Einheit von Partei und Staat, durch den Mythos vom „Reich“ und vom „Rassenfeind“ (8).

Die Hochburg der SRP lag in Niedersachsen und innerhalb Niedersachsens übrigens hier bei uns, im Weser - Elbe – Dreieck. Im Landtagswahlkampf 1951 füllte der hitlertreue Remer die Säle. Er machte hemmungslos gegen den Widerstand Stimmung und rief, indem er auf die Verschwörer des 20. Juli  schimpfte, die Solidarität der alten Kameraden wach. Auf einer Wahlveranstaltung am 3. Mai 1951 im Braunschweiger Schützenhaus sagte Remer wörtlich:

 "Die Verschwörer sind zum Teil in starkem Maße Landesverräter gewesen, die vom Auslande bezahlt wurden. Sie können Gift darauf nehmen, diese Landesverräter werden eines Tages vor einem deutschen Gericht sich zu verantworten haben.“ (9).

Damit sind wir am Schauplatz Braunschweig angelangt. Und aus diesem Geschehen in Braunschweig begründet sich, warum ich heute hier zu Ihnen spreche. Denen unter Ihnen, die mich noch nicht kennen, darf ich mich  als  Mitbürger vorstellen, der mit seiner Familie  seit 1970 in Rotenburg lebt. Von 1972-2004 war ich in verschiedenen Verwendungen und auf verschiedenen Ebenen als Staatsanwalt und Richter in der niedersächsischen Justiz und auch einige Jahre in der Bundesjustiz tätig. In meinem letzten Amt von 1997-2004 war ich Generalstaatsanwalt in Braunschweig. Damit war ich der dritte Nachfolger des legendären Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der dieses Amt von 1950 bis 1956 innehatte. Danach wechselte Bauer als Generalstaatsanwalt nach Frankfurt und leitete dort den großen Auschwitz- Prozess gegen  ehemalige Schergen  des Vernichtungslagers Auschwitz ein.

Zurück zur SRP und zu Remer. Bei der Landtagswahl am 6. Mai 1951 hatte die SRP Erfolg und erzielte 11 % der Stimmen. Sie errang 16 Sitze, davon 4 Direktmandate (10). Gegen Remer allerdings wurden nach einer Strafanzeige des Bundesinnenministers Lehr strafrechtliche Ermittlungen wegen übler Nachrede und Beschimpfung des Andenkens Verstorbener eingeleitet. Bauer erkannte, dass dieses Verfahren die Chance bot, die Widerstandskämpfer des 20. Juli ohne Vorbehalt und ohne Einschränkung zu rehabilitieren. Er zog das Verfahren, das die Staatsanwaltschaft Braunschweig zuerst gar nicht betreiben wollte, an sich und vertrat persönlich die Anklage in der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Braunschweig im März 1952. Mehr als 70 Prozessbeobachter aus dem In- und Ausland reisten an. Der Prozess gilt heute als das bedeutendste Verfahren mit politischem Hintergrund zwischen den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess (11, S. 17).

Über den Prozess hat der inzwischen längst verstorbene ehemalige Braunschweiger OLG-Präsident Rudolf Wassermann in einem Aufsatz anschaulich berichtet. Er schildert (12), wie die Strafkammer  23 Zeugen vernahm und zahlreiche Sachverständigengutachten einholte. Die Sachverständigen äußerten sich zur Stellung des Offizierkorps zum 20. Juli 1944, zu den Motiven der Widerstandskämpfer und den Ablauf der Ereignisse am 20. Juli sowie zur damaligen Kriegslage. Im Mittelpunkt des Prozesses aber stand das Widerstandsrecht Es hatte seit den Tagen des absoluten Staates in der deutschen Rechtslehre und Rechtspraxis keine nennenswerte Rolle mehr gespielt.  Hierzu gab es moraltheologische Gutachten, in denen sich drei evangelische und katholische Theologen positiv zum Widerstand äußerten. Die Männer des 20. Juli hätten, so hieß es z.B.  im Gutachten von Professor Iwand, "ein Zeichen aufgerichtet für echte christliche und politische Verantwortung, welches Ansatz sein könnte zu einer Neubesinnung auf das Recht und die Grenzen der politischen Gewalt". Höhepunkt der Hauptverhandlung war schließlich das Plädoyer Fritz Bauers. Bauer legte mit juristischen Argumenten dar, weshalb die Taten vom 20. Juli weder Landes-noch Hochverrat gewesen seien. Er charakterisierte das NS-Regime als Unrechtstaat, in dem tagtäglich das Recht geschändet worden sei. Er zeigte die Grenzen der Tyrannenmacht auf und beschwor das germanisch-deutsche Widerstandsrecht im Sachsenspiegel, dem ältesten deutschen Rechtsbuch. Im Rechtsstaat so erklärte er, gebe es kein Widerstandsrecht „solange die Menschenrechte gewahrt werden, solange eine Möglichkeit zur Opposition besteht und einem Parlament Gelegenheit zur Gesetzgebung gegeben ist, solange unabhängige Gerichte walten und die Gewalten geteilt sind. Das Widerstandsrecht erwacht aber wieder zur lebendigen Wirklichkeit, wenn eine dieser Voraussetzungen in Wegfall tritt".

Das Urteil des Landgerichts vom 15. März 1952, durch das Remer zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt  und das nach Verwerfung der Revision Remers am 11. Dezember 1952 durch den Bundesgerichtshof rechtskräftig wurde (11), stellte fest, dass das NS-Regime schreiendes Unrecht begangen habe, die Verhältnisse im Juli 1944 gebieterisch die Beseitigung des Hitler-Regimes verlangt hätten und die Männer des 20. Juli, weil sie dem Reich nicht schaden, sondern helfen wollten, nicht generell als Landesverräter bezeichnet werden dürften. Auf die Frage des Hochverrats ging das Gericht nicht ein. Die Kammer meinte, Remer sei sich insoweit des ehrenkränkenden Charakters seiner Äußerung nicht bewusst gewesen.

 Das Urteil stieß in der Öffentlichkeit  allgemein auf Zustimmung. Bauers Rechnung war damit aufgegangen. Er kannte den meinungsbildenden Einfluss der Rechtsprechung und wollte diesen nutzen, um die Patrioten, die gegen Hitler aufgestanden waren, vom Stigma des Verrats zu befreien. Remer war dabei Nebensache, angeklagt war in Wahrheit das NS-Regime. Man hatte es nun schwarz auf weiß: Die Männer des 20. Juli sind keine Landesverräter und die Justiz schreitet ein, wenn man sie verleumdet.

Das Urteil gegen Remer stellt eine Zäsur in der Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen das NS-Regime in der frühen Bundesrepublik dar (s.11, S. 23). Von ihm gingen sanktionierende und legitimierende Wirkungen aus (s.o. 12, S. 210). Nachdem bereits im Oktober 1951 die Bundesregierung bekannt gegeben hatte, dass das private Hilfswerk 20. Juli von nun an einen jährlichen Bundeszuschuss erhalten solle (s.o. 6), begann nun das offizielle Gedenken an den Widerstand gegen Hitler. Die Männer und Frauen des 20. Juli galten jetzt offiziell als vorbildliche Patrioten und Vorkämpfer der freiheitlichen Demokratie. „Die Verachtung vieler Deutscher für die Widerstandskämpfer verschwand zwar nicht über Nacht, doch sie verlor an Boden" (s.o. 6). Am 15. Juli 1959 erließ dann der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Adolf Heusinger, einen "Aufruf zum 20. Juli“, in dem es unter anderem heißt: "Die Tat des 20. Juli 1944 ….. ist ein Lichtpunkt in der dunkelsten Zeit Deutschlands. … Wir Soldaten der Bundeswehr stehen in Ehrfurcht vor dem Opfer jener Männer, deren Gewissen durch ihr Wissen aufgerufen war. … Ihr Geist und ihre Haltung sind uns Vorbild.“ (13).

Die Schlussformel unter den Todesurteilen des Volksgerichtshofs lautete: „Für immer ehrlos“. Dieser Satz eines selbst verbrecherischen so genannten Gerichts aber war nicht das letzte Wort der Geschichte. Die Ehre der Widerstandskämpfer konnte damit ohnehin nicht angetastet werden. Aber es gereicht der Justiz dennoch zur Ehre, dass sie sich 1952 zur ethischen und rechtlichen Anerkennung der Widerstandstaten vom 20. Juli entschließen konnte (s.o. 12, S. 210). Seit 1968 steht das Widerstandsrecht sogar in Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes (14). Aber es dauerte bis 1985, dass der Deutsche Bundestag den Volksgerichtshof einstimmig als Terrorinstrument zur Durchsetzung der Willkürherrschaft einstufte und dessen Urteilen jede Rechtswirkung in der Bundesrepublik absprach. Rechtsverbindlich wurden die Urteile des Volksgerichtshofes und der Sondergerichte sogar erst 1998 durch das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege aufgehoben.

Ich komme zum Schluss. Was können wir mitnehmen vom Handeln der Männer des 20. Juli für unser eigenes Tun? Es ist die Erkenntnis, dass für uns jeder Befehl, jeder Gehorsam eine letzte Grenze hat – das eigene Gewissen. Und es ist das Eintreten mit der eigenen Person für das als richtig und wahr Erkannte ohne Rücksicht auf Nachteile oder Gefahr für Leib und Leben. Diese Bereitschaft zum Eintreten fordert heute ein mutiges Voranschreiten. Dazu hat Christian Wulff als Niedersächsischer Ministerpräsident in einer Rede zum Vermächtnis der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 gesagt (5, S. 18) - und damit möchte ich schließen – „Die Christen sind gefordert, gegen die Machthaber dieser Welt an die Seite der Entrechteten und Verfolgten zu treten. Dieser Auftrag am Nächsten in der Nachfolge Christi machte die menschliche Grundprägung der Widerstandskämpfer des 20. Juli aus.“

 

AMEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis

 

 

  1.  Der Prophet Jeremia, Linzer Fernkurse, ERSTES TESTAMENT II, 2. Aussendung
  2. http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/_81.html
  3. http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/_94.html
  4. Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert, Hamburg 1956, Band I, S. 7
  5. Christian Wulff, Das Vermächtnis der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, Sankt Augustin/Berlin 2007
  6. Deutschlandfunk – Kalenderblatt vom 02.10.2006, http://www.deutschlandfunk.de/bekenntnis-auf-druck-der-alliierten.871.de.html?dram:article_id=125650
  7. Otto Ernst Remer, http://de.wikipedia.org/wiki/otto_Ernst_Remer
  8. Die sozialistische Reichspartei (SRP) und ihr Verbot 1952 ein Rückblick, tabularasa, http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3968/
  9. Ronen Steinke, Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht, München 2013, S. 126
  10. Liste der Mitglieder des Niedersächsischen Landtages (2. Wahlperiode), http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Mitglieder_des-Niedersächsischen-Landtages
  11. Claudia Fröhlich, Der Braunschweiger Remer-Prozess 1952. Zum Umgang mit dem      Widerstand gegen den NS-Staat in der frühen Bundesrepublik, in:Schuldig. NS-Verbrechen vor deutschen Gerichten, Heft 9, Bremen 2005, S.17,23,24
  12. Rudolf Wassermann, Widerstand als Rechtsproblem, Zur rechtlichen Rezeption des Widerstandes gegen das NS-Regime, in: Gerd R. Überschär (Hrsg.), Der 20. Juli 1944, Bewertung und Rezeption des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, Köln 1994, S. 203, 208 ff
  13. Adolf Heusinger, Ein deutscher Soldat im 20. Jahrhundert, Schriftenreihe Innere Führung, Bonn 1987, S. 272
  14. http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html
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De
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Predigt im Kulturgottesdienst “Entartete…
De van Nguyen
Predigt im Kulturgottesdienst “Entartete Musik – Swing tanzen verboten”

Predigt von Pastor Florian Schwarz im Kulturgottesdienst

“Entartete Musik – Swing tanzen verboten”
Am 10. November 2013 in der Stadtkirche Rotenburg
Zu Gast: Die Swingin´Fireballs

 

1
Liebe Gemeinde,
Wie gefällt Ihnen diese stumpfsinnige, wüste und aufreizende Orgie an der Sie gerade teilnehmen?
Können Sie was anfangen mit der blassen Konstruktionen um das jüdische Experiment das die Swingin Fireballs zu Gehör bringen?
Oder hätte ich die Swingin Fireballs,
diese Rotte undeutscher, entarteter Nichtskönner,
diese pathologische Erscheinung des musikalischen jüdischen Intellektualismus
niemals in unser Kirche einladen dürfen?
Wie viele von Ihnen sind vor 1945 geboren.
Wie viele von Ihnen haben Ihre Kindheit oder Ihre Jugend im Dritten Reich erlebt?
Wer von Ihnen hatte einen großen Bruder oder eine große Schwester, die zur Nazi-Zeit vielleicht Swing gehört hat?
Wirklich lange ist es noch nicht her, dass Joseph Goebbels Kulturerscheinungen als entartet gebrandmarkt hat.
Wenn die Folgen der Nazipropaganda nicht so erschreckend gewesen wären, dann müsste man lachen über diese Äußerungen. Lächerlich sind diese Begriffe die der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, am 28 Mai 1938 zur Eröffnung der Reichsmusiktage benutzt hat. So durchschaubar und widersinnig die Kombinationen von nicht zusammenhängendem.

2
Das Plakat zur Konzertreihe „Entartete Musik“ zeigt die Karikatur eines schwarzen Musikers mit Saxophon. Einem Jazz-Neger. Wulstige Lippen, Großer Ohrring, stupider Gesichtsausdruck.
Und am Revers trägt er einen Davidstern.
Das gehört nämlich auch dazu. Mit diesem Davidstern ist alles Entscheidende ausgedrückt. Die Jazzneger-Karikatur allein reichte nicht. Der Stempel jüdisch musste auch noch drauf. Denn damit war alles klar. Mit dem Davidstern haben sich die Nazis ein Symbol geschaffen mit dem alles gesagt ist, was sie sagen wollten: Darüber wird nicht diskutiert, das ist un-arisch, Damit muss und darf man sich nicht inhaltlich auseinandersetzen.
Dieser Stempel mit sechs Zacken ist ein unumstößliches, nicht hinterfragbares Urteil.
Was Swing-Musik, was ein schwarzer Musik mit dem Judentum zu tun haben soll, tut dabei nichts zur Sache.
Lassen sie sich auf diesen Gedanken ein:
Sie selbst halten einen Stempel in der Hand. Einen Stempel, mit dem sie jeder unangenehmen inhaltlichen Auseinandersetzung entgehen können.
Einen Stempel, der jedes Hinterfragen der eigenen Ansichten überflüssig zu machen scheint.
Einen Stempel, der genau markiert, was richtig ist und was falsch.
Und sie haben diesen Stempel in der Hand.
Es ist ein erschreckend befriedigender Gedanke.
Nie wieder zweifeln müssen an der eigenen Wahrnehmung.
Nie wieder zweifeln zu müssen, weil man alles, was diese eigene Wahrnehmung auch nur im Kleinsten hinterfragen könnte schlicht und einfach als entartet kann.
Ein erschreckend befriedigender Gedanke.

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Frei von diesem Wunsch sind wohl nur wenige Menschen. Für sich selbst Grenzen auf zu zeigen, über die nicht mehr diskutiert wird.
Die Perversion der Nazis bestand aber darin,
alles und bis ins Kleinste hinein zu verhindern, was die eigene Ideologie hinterfragt. Und sie sind noch einen Schritt weiter gegangen. Alles, was auch nur eine Alternative sein könnte zur nationalsozialistischen Weltanschauung musste verhindert werden.
Die bloße Möglichkeit einer Alternative schon. Warum sonst gehörte Swing Musik zu der Entarteten Musik? Swingmusik war kein aktiver Widerstand gegen das Regime. Die Musik war unpolitisch, einfach ein Ausdruck von Lebensfreude. Mehr nicht.
Aber eben auch nicht weniger. Einen fröhlichen, vielleicht auch einen wilden Abend mit Swingmusik zu verbringen – das Subversive daran war, dass es nicht nationalsozialistisch war. Dass man anders leben könnte.
Am 11. Januar 1945 wurde Helmut James Graf von Moltke zum Tode verurteilt. Moltke hatte keinerlei Versuche unternommen, das NS Regime zu stürzen. Das Attentat vom 20. Juli, mit dessen Beteiligten er zum Teil bekannt war, lehnte er ab, so wie jedweden gewaltsamen Versuch die Naziherrschaft zu zerbrechen.
Was Moltke getan hat, das war, dass er gemeinsam mit anderen darüber nachgedacht hat, wie eine Gesellschaft nach den Nazis aussehen könnte. Mehr nicht. Das in Erwägung ziehen, dass es etwas anderes geben könnte.
In der Urteilsverkündigung heißt es:
„Vorbereitung zum Hochverrat begeht schon der, der hochpolitische Fragen mit Leuten erörtert, die nicht dafür kompetent sind, insbesondere nicht mindestens irgendwie tätig der Partei angehören.
Der Volksgerichtshof steht auf dem Standpunkt, daß eine Verratstat schon der begeht, der es unterlässt, solche defaitistischen Äußerungen wie die von Moltke anzuzeigen“.
In einem Brief an seine Frau fasst Moltke den Prozess zusammen: Ich werde zum Tode verurteilt, „weil wir zusammen gedacht haben“.

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Entartet. Dieser Nazibegriff ist nichts weiter als ein Ausdruck von Angst und Unsicherheit.
Armselige Würstchen waren das.
Völlig verunsichert über die Haltbarkeit ihrer eigenen kranken Gesinnung.
Wenn Sie keine Mörder gewesen wären, könnte man fast Mitleid mit denen bekommen. Die Brutalität, mit der Künstler und wache Geister unterdrückt wurden galt eigentlich ihren eigenen, ganz persönlichen Zweifeln an der eigenen Ideologie.
Ich möchte ihnen ein zweites Zitat aus dem Prozess gegen Helmut von Moltke nennen. Moltke ist über das gemeinsame Nachdenken über Alternativen zum NS-Staat mehr und mehr Christ geworden. Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes hatte das erkannt und er spricht in diesem Prozess folgenden Satz aus:
„Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen“.
Wir fordern den ganzen Menschen. Damit hat dieser Nazi-Scharfrichter die Wahrheit ausgesprochen. Wir fordern den ganzen Menschen. Wenn man diesen Anspruch an sich selbst hat, dann muss man von seiner Sache wirklich sehr überzeugt sein. Genauso groß wie dieser Anspruch ist dann auch die Angst vor dem eigenen Zweifel. Die Angst davor, dass man mit dem eigenem Glauben nicht das Recht auf eine solche Forderung hat, die Angst davor, dass der eigene Glaube diesem Anspruch nicht gerecht werden könnte.
Verteufelt, dass ist der christliche Begriff für entartet. Was für die Nazis die Juden, das ist für Christen der Teufel. Wenn etwas vom Teufel ist, dann muss man sich nicht mehr damit auseinandersetzen. Dann ist es leicht jedweder Anfrage an den eigenen Glauben auszuweichen.

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Mit dem Teufel zu argumentieren, dass ist - zumindest in unserer Landeskirche - nicht mehr wirklich üblich. Die Angst vor den eigenen Zweifeln ist dadurch aber nicht verschwunden. Und je größer diese Angst ist, desto eher findet sich die religiöse Heimat in fundamentalistischen Gruppierungen.
Diese Angst ist nicht zu verurteilen. Diese Angst ist zutiefst menschlich und ich glaube kein Mensch, ob Christ oder nicht, ist frei von dieser Angst vor dem eigenen Zweifeln.
Diese Angst ist nicht zu verurteilen, mancher Umgang mit dieser Angst aber sehr wohl.
Sie haben vorhin den 31. Psalm gehört. Voller Angst und Zweifel ist dieser Psalm. Und mitten zwischen diesen verängstigten Worten steht der Satz: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Ob dieser Satz eine Umschreibung für die tiefe Verunsicherung des Psalmenschreibers ist oder ob dieser Satz schlicht die Feststellung ist, dass es noch viel mehr gibt als das, was in mein Denken passt und jedem Menschen als Aufgabe gestellt ist, damit zurechtzukommen?
Aber der Raum ist weit. Mit ganz viel Platz. Mit ganz viel Platz für andere Sichtweisen als der meinigen. Mit Platz für all die Möglichkeiten, die das Leben bietet. Die das Leben mir bietet und die das Leben anderen bietet. Und der Weg den Gott für mich selber im Kopf hat, bleibt auch dann der richtige, wenn es noch ganz viele andere Wege gibt.
Das alles befreit mich nicht von meinen Zweifeln.
Das macht meinen Weg nicht leichter.
Und nichts in der Welt kann mich von meinen Zweifeln befreien.
Das muss ich schlicht und einfach aushalten.

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Als Christ kann ich das in Vertrauen auf Gott tun.
Wenn ich in Vertrauen auf Gott mit meinen Zweifeln leben lerne, dann muss ich alternative Lebensentwürfe nicht verteufeln oder – in der Sprache Joseph Goebbels ausgedrückt – als entartet bezeichnen.
Das heißt noch lange nicht, dass ich alles und jeden Lebensentwurf gutheißen muss. Aber ich werde frei genug sein um meinen eigenen Weg immer wieder zu hinterfragen, ohne in der Weite des Raumes verloren zu gehen.
Mit diesem Vertrauen darf ich Schritte in großartige Weite des Raumes machen. Und Gottes weiten Raum müssen wir uns weder von Fundamentalisten noch von stumpfsinniger Naziideologie eingrenzen lassen.
Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

KONTAKT

De van Nguyen

De
van Nguyen
Pastor i. R.
27356
Rotenburg (Wümme)
Tel.: 
(04261) 5560
So. 16.06.13
Das Leben ist eine Reise
Marco Müller
Das Leben ist eine Reise

Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht!

 

Es ist ein halbes Jahr her, da hörte ich diesen Satz das erste Mal. Ausge­sprochen vom Navigationsgerät eines Kirchenvorstehers: Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht. Wissen Sie, ich benutze ja NAVIGON© in meinem Auto. Bei denen geht es weniger spirituell zu. Wenn ich mit meinem Navi irgendwo ankomme, dann sagt es mir im besten Fall: Sie nähern sich der Zielstraße. Das Ziel liegt: links. Aber bei TomTom© ist das anders. Nicht dass das Navi an sich besser wäre – ich schwöre auf meines  –, aber diese leicht religiöse Note, die finde ich schon klasse… Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht. Wollen Sie’s mal hören? Ich hab’s extra aufgenommen…

 

Da kommt man doch sofort ins Philosophieren, oder?
Was ist meine Bestimmung..? Wozu bin ich da…? Wo habe ich meinen Ort…?  –  Ganz ehrlich! Ich glaube, die hatten bei TomTom©großen Spaß, als sie vor Jahren  die Aufnahmen gemacht haben… Offenbar haben sie verstanden, dass Reisen etwas mit Sinnsuche zu tun hat:

 

Das Leben ist eine Reise. Das ganze Leben suchen wir, wandeln wir, irren wir umher, sind auf Holzwegen, drehen um, wenden uns mal so und mal so  ––  auf der Suche nach Sinn in dem, was wir tun und was wir sind; auf der  Suche nach Glück in dem, was wir erleben. Und manchmal stehen wir auf dem Bahnsteig oder im Abflugterminal und lesen verzweifelt: cancelled – 25 Minuten Verpätung – annuliert – abgesagt.

 

Eines der eindrücklichsten Reiseerlebnisse, die ich erfahren habe, ereignete sich vor genau 10 Jahren in Südindien. Ich war dort allein hingefahren. Und zwar wider Willen allein! Das war kurz nach dem theologischen Examen, eigentlich wollte ich gemeinsam mit meiner damaligen Verlobten Freunde in Indien besuchen. Es kam alles anders. Nicht die Anzeigetafel am Flughafen zeigte „storniert“, sondern meine Freundin „stornierte“ unsere Beziehung. Und so musste ich allein fliegen, mitten in diesem Sturm.  ––  Und dann saß ich irgendwann im Monsunmonat August bei 30 Grad und geschätzten 200% Luftfeuchtig­keit im Zug nach Kottayam und hörte unter dem Waggon mit offenen, vergitterten Fenstern die Schienen rattern. Ein Rattern, das es in Deutschland nicht mehr gibt. Die Züge fahren hier zu schnell…
Badamm! – rrrrrrr – Badamm! – rrrrrrr –Badamm! – rrrrrrr
Ich hörte nebenbei Musik über Kopfhörer und auf einmal fühlte sich alles gut an. Weil ich spürte: Ich bin unterwegs! Ich entferne mich vom Ort der Schmerzen. Es geht weiter. Ich wusste nicht wohin, aber das Leben bewegte sich. Ich hatte Angst, aber ich war auch gespannt, was kommen würde. Wo würde mein Bestimmungsort liegen? Nach dieser schmerzhaften Stornierung? Was würde mir Orientierung schenken? Das Leben ist eine Reise!

 

Aber ich habe in den Jahren hier in Brockel auch eine ganze Reihe von Menschen kennen gelernt, die gar nicht gern reisen. Da war manches Gespräch mit Goldenen Paaren, die nach 50 Jahren Ehe aus ihrem Leben erzählten: Vom Kennenlernen und Familiegründen und oft auch Kühemelken und Felderbestellen. Und die sagten: Landwirtschaft und Reisen – das sind zwei Dinge, die nicht so leicht zusammengehen. Auch deshalb habe ich so manches Mal gehört:  Ja, wir waren auch mal im Harz. So für 4 Tage. Aber dann war’s auch genug. Zuhause ist es doch immer noch am schönsten…

 

Nicht jeder reist gern! Auf Konfirmanden­freizeiten lernt man als Mitarbeiter die Vielfalt der Symptome kennen, die Heimweh hervorrufen kann! Bauchweh und Knieschmerzen; Kopfschmerzen und Seebeschwerden. Alles ernst zu nehmen! Denn das ist ja völlig in Ordnung, dass nicht jeder gern unterwegs ist.
…zumindest nicht mit dem Reisebus…

 

Denn andererseits sind wir auf bestimmte Art und Weise dann eben doch alle unterwegs – und können auch nicht anders! Nichts lässt sich anhalten, nichts lässt sich konservieren. Was hätte es mir genutzt, meinen Indienflug damals zu stornieren – die Erfahrung, dass das Leben sich manchmal in eine Richtung bewegt, die ich nicht will, wäre geblieben! Nichts bleibt, wie es war.

 

Die Frage bleibt: Was schenkt mir Orientierung? Wie sieht das Navi aus, mit dem ich im Alltag voran komme?

 

Sich dieser Frage ernsthaft zu stellen, ist lebenswichtig, glaube ich. Denn die nächste Herausforderung aus dem Sessel der Gemächlichkeit hält das Leben mit Sicherheit schon bereit!

 

Jemand erzählte mir von einer guten Freundin. Die war offenbar genau an diesem Punkt angekommen: An der Frage: wie kann es weitergehen? Ich weiß nicht, was sie genau erlebt hatte. Aber sie hatte das dringende Bedürf­nis, Klärung für die Zukunft zu gewinnen. Keine Ahnung, ob sie Zeitungen durchgeforstet hat oder im Internet gesucht hat – am Ende landete sie jedenfalls bei einer Wahrsagerin, die ihr Handwerk offenbar sehr eindrücklich betrieb… Es wäre besser gewesen, wenn diese Freun­din sich andere Orientierung gesucht hätte! Denn die bösen Nachrichten, die sie dort hörte, wirkten von da ein wie ein stetiger Störsender auf ihrem Weg. Ob sie sich am Ende als wahr herausstellten, ist dabei völlig irrelevant und ich weiß es auch nicht. Entscheidend wurde, dass fortan die Navigation im Hier und Jetzt durch die vermeint­liche Zukunft gestört wurde… Ängstlich ging sie jeden Schritt!

 

Was schenkt mir tatsächlich Orientierung?
Es gehört nicht viel dazu, sich die Geschichte von den Jüngern auf dem See Genezareth (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 8, Verse 23-26) als eine vorzustellen, die genau diese eine Frage in den Mittelpunkt stellen will… Ein kleines Boot  ––  vielleicht 1,20 Meter breit, vielleicht 5 Meter lang  ––  gefüllt mit gut einem Duzend Menschen.  Ganz vorn legt sich einer von ihnen schlafen. Zusammen­gerollt wie ein Kind im Bauch der Mutter. Der Tag war anstrengend gewesen. So viel geredet, so viel getan, so viele Begegnungen. So viel Energie!

 

Zu Beginn zieht das Boot sachte über den glatten See. Die Sonne fällt langsam und wunderschön hinter eine Front aus Wolken…   –––   Und dann erheben sich plötzlich Winde und die rudernden Menschen werden unruhig. Der Kahn hat wenig Tiefgang. Die Wellen werden höher. Die Fallwinde fegen von der umliegenden Bergen. Das Wasser gluckst ärgerlich und unter ihnen zeugt tiefes Schwarz von der Gefahr. Die Wellen werden höher und höher und übernehmen die Kontrolle über das Boot. Die Gischt schlägt in die Gesichter…   ––   Diese Reise ist alles andere als ein sommerlicher Ausflug. Sie sind Kilometer weit vom Land entfernt. Und dieses lebendige galiläische Meer wirft sie hin und her in ihrem kleinen Boot…   ––   Wo geht es lang? Wie kann es weitergehen? Wer erdet mein Leben dort, wo alles ins Schwimmen gerät? Jesus … schläft!

 

Wie oft habe ich im Leben ganz genau dieses Gefühl!
Gott schläft  ––  zwar vermutlich den Schlaf des Gerechten  ––, aber er schläft! Oder ist auf Urlaub oder sonst wo.

 

Wissen Sie, diese Geschichte im Matthäusevangelium ist transparent geschrieben. Ganz bewusst – so wie viele andere Wundergeschichten auch! Sie ist auf Transparent gemalt, damit ich durch sie hindurch etwas von meinem Leben erkennen kann. Und das kann gelingen! Diese Geschichte erzählt von meiner Reise. Und von deiner. Wir können unsere Stürme dort hinein zeichnen! So ist das gedacht.   –––   Und entsprechend bietet diese wunderbare Geschichte auch Orientierung an:

 

Als die Jünger und Jüngerinnen im Sturm die Sprache wiederfinden, bedienen sie sich einer Mundart , die eindeutig im Gebet zu Hause ist. Sie rufen den vermeint­lich schlafenden Jesus an:
Kyrie! Herr, rette uns! Wir gehen verloren!
Kyrie eleison!   ––   Herr, erbarme dich!
Was Matthäus als Autor dieser Geschichte macht, ist nicht der Versuch, mit Worten einen Film zu drehen, den man sich wieder und wieder angucken kann, um zu bestaunen, was für Mächte in Jesus schlummern. Matthäus malt ein transparentes Bild und er erinnert auf diese Weise daran, wie wir Orientierung gewinnen… Seine Geschichte will viel mehr ausdrücken als ihr Buchstabe sagt. Denn zwischen ihren Zeilen weht auch unser Sturm mit…

 

Es ist gut, sich er-innern zu lassen: Da ist einer, der schlafend aussieht in deinem Sturm. Ruf ihn an!
Liebe KREUZ+quer-Gemeinde, dieses Er-innern ist die eigentliche Reise! Es ist die Reise ins Innere. Ich gehe in mich – ich er-innere mich – statt vor meinen Ängsten davonzulaufen. Ich konzentriere mich auf das, was ich glaube, statt den Gerüchten da draußen zuzuhören. Ich lasse mich von Matthäus er-innern an den, der mit mir im Boot sitzt. Und ich komme zu mir selbst; ich beuge mich in das Auge des Sturms und erlebe, wie es dort still wird !!! Dort, wo ich beginne zu beten: Herr, erbarme dich! Mitten im Sturm. Weil er da ist: Jesus Christus in meinem Boot; an meiner Seite; auf meiner Reise; in meinem Sturm.

 

Wo lasst Ihr Euch er-innern an den,
der in der Stille zur Kraftquelle für Eure Lebensreise werden will?
Wann sucht ihr ihn?
Und an welchen Orten?
Seid Ihr unterwegs…!?

 

Das Leben ist eine Reise durch ein vielfältiges Land. Würden unsere Füße nur Höhen bewandern – es wäre in Wahrheit eine einzige Ebene, auf der wir liefen. Keine Hochzeiten und keine Tiefpunkte: Ohne unten und oben.
Nichts gegen Ostfriesland... :-)
Aber ich danke Gott für das Kribbeln in meinem Bauch, wenn ich beginnen kann, neue Flüge zu buchen – auch nach Indien; wenn kurz unterhalb des Gipfelkreuzes die Sonne mich wärmt, wenn der Ausblick mich entschädigt für den anstrengenden Aufstieg. Wenn ich nicht vergesse, diese Höhepunkte als Geschenke Gottes zu verstehen, dann lässt die Er-Innerung an sie in mir Vertrauen wachsen – wenn ich irgendwann dann mit Sicherheit wieder im Tal bin… – Vertrauen in den, der mit mir im Boot ist. Das ist die eigentliche Reise…

 

Unterwegs bleiben
dem Ziel entgegen
mit dem Glauben
der uns leitet
mit der Hoffnung
die uns stärkt
mit der Liebe
die uns trägt
Unterwegs bleiben

 

trotz vieler Zweifel
trotz vieler Mühen
trotz vieler Widerstände

 

Unterwegs bleiben
dem Stern folgen
immer wieder still werden
und ehrfürchtig danken
für das Leben

 

(Max Feigenwinter)

AMEN.

So. 06.05.12
Predigt im Gottesdienst Kantate mit der…
Predigt im Gottesdienst Kantate mit der Aufführung der Choralkantate BWV 137 in der Stadtkirche Rotenburg

Guten Morgen, Ihnen liebe Gemeinde aus Sängerinnen und Sängern der Stadtkantorei, aus den Solis-ten und den Musikern der Bremer Ratsmusik, aus den Mädchen und Jungen der KinderKantorei, aus Ihnen und Euch, den Jungen und Alten, den Bachfreunden und denen, die nun nicht extra wegen der Musik gekommen sind, aus denen die mit Trauer und Sorge hier im Gottesdienst sind und den ande-ren, denen „Lobe den Herren“ aus einem fröhlichen Herzen kommt!
Am 25. Juni 1708 schreib der damals 23-jährige Organist Bach im Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen, er habe dort „seinen Endzweck, nemlich eine regulirte kirchenmusic zu Gottes Ehren“ nicht erreichen können; er hoffe aber „auf die Erhaltung meines endzweckes wegen der wohlzufaßenden kirchenmusik“ in seiner nächsten Position in Weimar.
Bachs Endzweck - eine eigentümliche Formulierung - das ist die Gestaltung einer regulierten Kir-chenmusik. Darunter verstand er das Komponieren und Aufführen von Kantaten im Gottesdienst. Das war nach seiner Auffassung seine eigentliche Bestimmung in dieser Welt. Die Frucht davon erleben wir heute durch das besondere Engagement von Kantor Karl-Heinz Voßmeier und allen, die mit ihm musizieren:
Im Mittelpunkt steht eine Kantate, die selbst gewissermaßen Bachs Endzweck oder Bestimmung zum Thema hat: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, BWV 137. Aufgeführt im Rahmen des Gottesdienstes am Sonntag Kantate erinnert sie uns selbst an unsere Bestimmung und Aufgabe, dass auch wir Antwort geben auf das Leben, das uns geschenkt wurde und einstimmen in den Chor aller Geschöpfe, die das Leben und seinen Schöpfer preisen. Dazu helfe uns Gott – bei allem, was für uns jetzt auch dagegen stehen mag. Amen.

Psalmgebet: Psalm 98

Kyrie-Gebet
Oft, Gott, haben wir das neue Lied nicht auf den Lippen. Haben keine Idee von seinem Text, trauen uns die neuen Klänge nicht zu.
Oft sind wir gefangen in ganz alten Melodien unserer Gewohnheiten, unserer Angst, der Konflikte, in denen wir gefangen sind, den Vorurteilen, mit denen wir auf die Welt schauen.
Deshalb sind wir angewiesen auf dich, du Inspiration unseres Lebens.
Lass dein neues Lied in unseren Herzen entstehen, und schenke uns den Mut und den Atem es anzu-stimmen, den Ton der Liebe, den Klang der Hoffnung auf deine Zukunft. Amen.
Vorspruch zum Gloria
Wenn Gottes Geist uns erfüllt und die Kraft seiner Liebe in uns Raum gewinnt, bleiben wir nicht stumm. Dann wird unser Leben verwandelt und vom Klang des Evangeliums erfüllt.
Wenn er uns die tröstenden Worte schenkt und Melodien, die das Herz leicht machen, wenn wir uns verbinden mit den Stimmen der Natur und für den Chor seiner Engel aufmerksam sind, dann klingt schon jetzt Gottes Lob hell und klar.
Eingangsgebet
Barmherzig und gnädig bist du, Gott, geduldig und von großer Güte. Darum gib unserem Leben ei-nen neuen Klang, stimm uns freundlich auf dich ein und lass uns in dem Chor, der dir singt, die eigene Melodie finden. Lass uns nicht vergessen, was du uns Gutes getan hast, dieses Leben und seinen unfassbaren Zauber, und dass du uns freundlich begleitest heute und an allen Tagen im Leben und im Sterben. Amen.

Evangelium: Lesung aus Matthäus 21,12 bis 17 – Neue Genfer Übersetzung
Jesus ging in den Tempel und wies alle hinaus, die dort Handel trieben oder etwas kauften.
Er warf die Tische der Geldwechsler und die Sitze der Taubenverkäufer um und sagte zu ihnen:
»Es heißt in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.‹ Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!«
Während er im Tempel war, kamen Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie.
Aber die Wunder, die er tat, und der Jubel der Kinder, die im Tempel riefen: »Gepriesen sei der Sohn Davids!«, erregten den Unwillen der führenden Priester und der Schriftgelehrten.
»Hörst du eigentlich, was die da rufen?«, sagten sie zu ihm.
»Gewiss«, erwiderte Jesus. »Habt ihr das Wort nie gelesen: ›Unmündigen und kleinen Kindern hast du dein Lob in den Mund gelegt‹?«
Damit ließ er sie stehen, verließ die Stadt und ging nach Betanien.
Predigt über Lobe den Herren (EG 317)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Bruder und Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
Der heutige Predigttext ist das Lied, das der Kantate zugrunde liegt. Wir haben vier der fünf Strophen schon gesungen. Unter der Nummer 317 im Gesangbuch haben Sie den Text auch in der Hand.
„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf! Psalter und Harfe wacht auf! Lasset den Lobgesang hören!“
Es ist ausgesprochen erstaunlich, dass ausgerechnet „Lobe den Herren“ das wohl erfolgreichste, beliebteste deutsche Kirchenlied ist.
In unserer Welt, angesichts der Not in so vielen Leben: diese fünf Verse, die so voller Überschwang das Vorfindliche zu loben scheinen: - alles so herrlich regieret, - künstlich und fein dich bereitet, - Gesundheit verliehen, - freundlich geleitet, sichtbar gesegnet, - mit Strömen der Liebe geregnet.
Wovon spricht der Liederdichter? Und wie welt- und selbstvergessen scheinen wir, wenn wir aus vol-lem Herzen einstimmen?
Oder ist es das Lied für den glücklichen Augenblick, für das schöne Fest, die Höhepunkte im Leben? Wenn wir eine kirchliche Trauung besprechen, dann kommt dieser Liederwunsch, meist mit der Bemerkung: „Das können alle mitsingen. Und das passt da ja gut.“
Und das wäre ja ein schönes Zeichen über unserem Leben, dass es diese Augenblicke gibt, - anschei-nend doch so häufig, dass sich die dazu passenden Strophen einprägen. „Der Deinen Stand sichtbar gesegnet.“
Bei einer Andacht zum 80sten Geburtstag, z.B.: Wenn da Kinder sind mit ihren Familien, Freunde, Nachbarinnen. Wenn es möglich ist, auszugehen und in großer Runde ein gutes Essen zu genießen. Und die Pastorin oder der Pastor kommt, und wir stimmen gemeinsam an. Dann wissen in dem Mo-ment auch viele, dass es ganz andere Zeiten gab. Die Flucht, die schwere Krankheit eines Enkels, der Tod des Mannes vor fünf Jahren. Aber jetzt, in diesem Augenblick ist alles gut gefügt. Wir sind durch-gekommen, bis heute. Wir haben einander. Der Tag ist so hell. Jetzt gerade regiert Gott doch tatsäch-lich alles so herrlich.
Du sollst auch nicht undankbar sein. Darum wird es dieses Lied geben. Darum sollst du es auch mit-singen, wenn es gerade nicht gut ist. Dann erinnert es dich an die guten Zeiten und stärkt das Ver-trauen, dass es auch wieder anders werden kann.
Durchgemogelt? Zurechtgebogen? In einer Welt, die nicht gut regiert ist, sich an den Augenblicken freuen, in denen es anders scheint? Und dann nicht von den Schatten reden? Tief Luft holen – und man muss wirklich tief einatmen, um diese erst Zeile in einem Bogen singen zu können – 18 Takt-schläge, wo man sonst nach 8 oder höchstens 10 wieder atmen kann – und dann durch und mal nicht an das denken, was dagegen steht...
Manche können das. Und andere lehnen es ab, weil es ihnen nicht ehrlich erscheint, weil sie einen Glauben, der die glücklichen Ausnahmen feiert und sich um den Rest dann zu drücken scheint, ableh-nen. Ganz grundsätzlich - wie die große evangelische Theologin Dorothee Sölle, die meinte, das Lied geht nicht mehr nach Ausschwitz. Oder bitter persiflierend wie Berthold Brecht, der in seinem großen Dankchoral die Kälte lobt und die Finsternis und das Verderben! „Schauet hinan: Es kommt nicht auf euch an. Und ihr könnt unbesorgt sterben.“
Nachher hören wir die Kantate von Johann Sebastian Bach zum Lied. Das ist helle prächtige Musik, - mit Pauken und Trompeten, ursprünglich für den Sommer komponiert, - der 12. nach Trinitatis oder vielleicht auch aus Anlass einer Ratswahl, ein großes Fest in Leipzig - oder eben jetzt für diesen festli-chen Kantatengottesdienst. Genau an dieser im ersten Hören so strahlenden Musik habe ich neu ver-stehen gelernt, dass das Lied nicht die Ausnahme meint, sondern den „Endzweck unseres Daseins“, wie das Bach selbst ausgedrückt hat. Dass in allen Formulierungen des Liedes der Widerspruch, das Elend, auch das Unrecht unserer Existenz nicht ausgeblendet, sondern einbezogen ist. Und dass das vielleicht niemand genauer zu Tage gebracht hat als Bach mit seiner Musik.
Darum folgen jetzt einige Hörhilfen, die Sie hoffentlich nachvollziehen können, und die den Text noch einmal ganz anders zu verstehen lehren:

(1) Gleich der Eingangschor: strahlendes C-Dur, gespielt von einem großen Barockorchester, auch wenn jede Stimme heute nur einfach besetzt ist: Streicher und Oben, dazu drei strahlende Trompeten und Pauken, die einen klaren Rhythmus geben. Und trotzdem ist die Musik von Anfang nicht glatt: ein Echospiel von Oboen und Geigen und im Thema eine eigenartige Synkopierung, eine kleine Verschie-bung der Betonung. Wenn die Chorstimmen nacheinander einsetzen, ahnt man, dass das nicht leicht zu singen ist. Ein wirklicher Aufschwung. Eine Anstrengung. Trotz des schnellen, leichten Tempos. Aber das Lob fließt nicht einfach, weil das Herz voll ist über so viel Glück. Man spürt den Auftrag. Das Selbstgespräch: Lobe, meine Seele. Tu, was Deine Bestimmung ist. Schwing Dich dazu auf. „Das ist mein Begehr.“ – Das ist nicht Spaß wie das Lied, das mir im sonnigen Frühling auf die Zunge kommt. Sondern es ist, wonach ich eine Sehnsucht habe: Dass das Leben stimmig ist und dass ich darum sin-ge. Aber das ist eben gerade nicht selbstverständlich.
Gedichtet hat den Text nicht die lebenssatte Jubilärin sondern Joachim Neander, ein 25-Jähriger, der ein schweres Leben hat. Er ist Theologiestudent aus einer Pastorenfamilie in Bremen, begeistert von den pietistischen Predigten eines Zeitgenossen, der lehrt, dass der Glaube nicht ein bürgerliches Ac-cessoire ist, eine Art Anstecknadel in Kreuzform, sondern dass es um eine Haltung geht, einen Auf-trag, eine Bestimmung für das ganze eigene Dasein. Die Bedingungen, unter denen Neadner seine Bestimmung leben kann, sind schwer. Eine Pfarrstelle gibt es für ihn nicht, er schlägt sich durch mit einer karg bezahlten Schulstelle in Düsseldorf. Dort findet er Menschen, die verstehen, was ihn im Innersten umtreibt, die auch nach diesem Ernst einer Existenz im Vertrauen fragen. Mit ihnen feiert er nachmittags draußen in dem Tal, das viel später tatsächlich nach ihm Neanderthal benannt wird, Bibelstunden und Gottesdienste. Hier entsteht sein Lied. In einem äußeren Sinn ist da gar nichts gut regiert, und nichts sicher geführt, und Gesundheit in dem Sinn, wie wir das verstehen, ist Neander auch nicht verliehen. Er stirbt nur wenige Jahre später 30 Jahre alt. Aber er fordert seine Seele auf zu dem, was ihre Bestimmung ist: Gott, dem Schöpfer Antwort zu geben, mit IHM im Gespräch zu sein, - zu loben – Ja zu sagen.
Bach hat das verstanden – durch und durch. Das zeigt schon der Eingangschor mit den anspruchsvol-len Chorstimmen, die ganz polyphon geführt werden, vielstimmig wie das Ringen in uns selbst, bis der Cantus firmus, der klare Lobvers über dem allen im Sopran erklingt. Nur an einer Stelle ist der Satz homophon, ein gemeinsamer, gleichmäßiger Klang: „Kommet zu Hauf. Psalter und Harfe wacht auf.“ Es ist ein errungener Augenblick, in dem die Anstrengung der Seelen, ein Ja zu gewinnen, zusammen stimmen zu dem harmonischen Klang einer Gemeinde. Aber der Zusammenklang in einer Gemeinde setzt voraus, dass wir uns selbst rufen lassen, dass wir uns selbst auf den Weg machen, dass wir, jede und jeder für sich Antwort geben und Antwort wagen.

(2) Die zweite Strophe – sicher die, die am meisten missverständlich ist. Auch in der Musik. Es klingt ein beschwingter Neunertakt, darüber eine bewegte Solovioline. Und dann setzt in ganz klaren No-tenwerten die Choralmelodie ein: der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret? Immerhin lässt die Frage am Ende erkennen, dass sich solche Sätze ganz und gar nicht von selbst verstehen, ja, dass es wohl zynisch wäre zu unterstel-len, als würde der Lebensweg, der Menschen zugemutet wird, ihnen gefallen wie einem ein Klei-dungsstück gefällt. Das ist doch ein Weg, ein schmerzhafter Weg, bis das, was uns zufällt, wirklich so genommen und verstanden ist, dass wir es uns „ge-fallen“ lassen können. Vielleicht hilft eine Erinne-rung daran, woher Neander das Bild von den Fittichen eines Adlers hat: Das entstammt dem Lied des Mose vor seinem Sterben, aufgeschrieben im 5. Buch Mose: „Gedenke, Israel, der vorigen Zeiten. Gott sah dich in der Wüste. Er hatte auf dich acht und behütete dich wie seinen Augapfel, wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und leitete dich.“
Man muss die Wüste mitdenken, den Kampf und die Anstrengung dieses Weges, sonst ist das nicht verstanden. Oder wie Bach: Er hat, was da gesagt ist, noch einmal neu als Verheißung verstanden, nicht Beschreibung unserer Gegenwart, sondern Hoffnung für die Zukunft. Deshalb hat er dasselbe Musikstück, diesen 2. Satz der Kantate Jahre später noch einmal aufgeschrieben als ein Orgelstück, aber dann die Melodie einem Adventslied zugeordnet: „Kommst du nun, Jesus, vom Himmel herunter“ – weil unser Lob vorauseilt, weil noch gar nichts herrlich regiert ist, weil wir einstweilen noch hoffen und glauben.

(3) Die dritte Strophe – e-moll: Verschwunden ist der strahlende Klang, keine Streicher, keine Trompe-ten. Zwei Oboen spielen umeinander, dann zwei Singstimmen, Sopran und Bass – stimmlich so weit voneinander entfernt wie es nur möglich ist – als gälte es tatsächlich einen Graben zu überwinden, mit einem Widerspruch umzugehen. Die Melodie, die in der ganzen Kantate präsent ist, klingt hier nur noch in ihren ersten Tönen an. „Künstlich und fein bereitet“, - das heißt eben auch verletzlich, sterblich. „Gesundheit verliehen“, das heißt auch, dass sie uns nicht gehört, dass sie erlebt wird wie ein Glück auf Zeit. „Freundlich geleitet“ – auch auf ganz dunklem Weg. Und am meisten legt Bach in diese drei Worte hinein: „In wieviel Not“: schmerzende Chromatik, Rückungen immer einen Halbton weiter, die erkennen lassen, dass das etwas anderes ist als eine Pechsträhne.

(4) Wir sind noch nicht im Himmel, wir sind weit davon entfernt, aber wir machen doch Erfahrungen mit dem Himmel. Wir werden berührt und beglückt in unserer Mühe und Arbeit, in unserem Kummer und unserer Not. Sehr kunstvoll komponiert Bach diese Spannung in der 4. Strophe. Auch dieser Satz ist in Moll. Eine immer wieder kehrende bewegte Baßmelodie, auf und absteigend, mehr absteigend als aufsteigend, und in Sprüngen nach unten, - und immer wieder von vorn. Da wird nichts beschö-nigt. Nicht die Anstrengung eines Thomaskantors, auch nicht die existenzielle Not des Textdichters, der ein irdisches Glück in seinem Leben nicht findet. Und wir können uns und unsere Welt in dieser dunklen Grundfigur vielleicht auch finden. Aber die Aufforderung gilt auch hier, denn das ist der Sinn unseres Daseins: Ja sagen können, und uns in unserem Leben so einsetzen, dass wir auch mit dem Herzen Ja sagen können. „Lobe den Herren“, diesmal gesungen von einem kraftvollen Tenor, der viel Atem braucht, weil auf das dürre Land Ströme regnen sollen. Und über diesem Zwiegespräch, ob es möglich ist, in diesem Leben Glück zu erleben ohne sich davon zu stehlen, leuchtet strahlend hell die Liedmelodie in C-Dur, gespielt von einer Trompete. Für mich ist das wie der Sonnenstrahl durch einen tiefdunklen Gewitterhimmel, oder wie der Regenbogen der dann im Rücken steht.
Und dann wird der Fluss der Anstrengung unterbrochen, und die Ströme halten inne: Denke daran, denke, denke daran –: „Was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet“.

Vor der kurzen Schlussstrophe müssen wir darüber noch einen Augenblick innehalten: Was heißt „der Allmächtige“? Der Alleskönner? Die Macht, die keine Rücksicht braucht? Potenz der Potenz, von der die Mächtigen träumen? Aber Gott ist nicht allmächtig, - nicht in diesem Sinn. Er wollte es selbst nicht so sein, sondern Gott existiert in Beziehung. Er will und kann nicht anders da sein als im Kontakt mit seinen Geschöpfen. So wie wir Gott brauchen, so braucht er uns. Seine Macht ereignet sich in unserer Begegnung. Wenn wir uns voneinander abwenden, hören wir auf zu sein. Aber das ist seine Macht, dass es dazu nicht kommt. Niemals und gegenüber keinem Geschöpf. Denke daran. Denke an seine Lebensmacht, die geschieht, indem die Liebe geschieht.
Das ganze Lied ist so falsch, wenn wir da einen Potentaten denken, der regiert wie er will und unser Lob wie eine Kapitulation von uns verlangt. Aber es ist ein Werben umeinander. Wir brauchen ihn, wir brauchen diese Kraft des Lebens, die uns trägt auch in den ganz dunklen Stunden. Und Gott braucht unser Lob, er braucht unsere Antwort, Das Leben gelingt, in dem diese Beziehung gelingt.

(5) Der Schluss, aber eben genau kein Schluss: der fünfte Vers: „alles was Odem hat, lobe mit Abra-hams Samen“. Singend verbinden wir uns der einen Gottesgeschichte, die als Menschengeschichte geschieht. „Er ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht.“ Geh nicht aus diesem Kontakt, auch in der Fins-ternis nicht, auch im Weinen und Schreien, fordere IHN zu dir zurück. „Lobende schließen mit Amen.“ So soll es sein.
Bei Bach ist das gleich ein siebenstimmiger Satz, die vier Chorstimmen und drei selbständige Trompe-tenstimmen. Sieben, das ist die heilige Zahl. Der Schlusschoral ist ein Vorgriff, eine Ahnung von der anderen Wirklichkeit, in der dem Loben keine Träne mehr widerspricht. So soll es sein. Amen.
Fürbittengebet
Du willst, dass diese Kirche ein Bethaus ist, ein Ort an dem unser Handeln und unsere Händel unter-brochen sind, eine Zeit in unserem Leben, die nicht Geld ist und Konkurrenz und auch nicht einsam und leer. Unsere Zeit – Deine Zeit. Für diese Zeit und diesen Ort hast Du uns Musik geschenkt, große, bewegende Musik, die das Herz berührt. Dafür danken wir Dir. Hilf, dass unsere Seele dafür Raum gibt, Achtsamkeit, Gelassenheit, einen langen Atem. Dass wir Deine Gegenwart spüren und neu ge-wiss werden, wozu du uns haben willst. Und dass wir diesen Ort und diese Erfahrung mitnehmen in die neue Woche und die Anforderungen und die Not, die uns darin begegnen werden.
Du, Gott hast Unmündigen und kleinen Kindern dein Lob in den Mund gelegt. Sie sehen und spüren zuerst, was du tust. Und sie zeigen es auch. In dieser bedrohten, zerrissenen Welt: Dass das Leben Kraft hat, dass es sich zum Guten wenden kann, dass Blinde sehen und Gelähmte gehen, dass sich Verlorenes neu findet, dass dem Tod Leben abgerungen wird, unvermutet, hoffnungsvoll.
Gott, du kennst die Länder, Orte und Häuser, in denen die Sehnsucht, das Hoffen und Bangen um solche Zeichen Deiner Nähe groß sind. Völker im Aufruhr wie Syrien und Myanmar, Gefängniskerker, in denen der Mut verloren geht und der Wille gebrochen, dürres Land, das nicht genug zum Leben trägt, das auf unsere Solidarität angewiesen ist wie der Niger und weite Landstriche des Sahelgürtels, die Häuser der Sterbenden und Häuser, in denen Menschen um ihr Leben kämpfen, die Wohnungen der Trauer, wie die um N.N., die Orte der Verzweiflung und der Angst.
Unmündige und Kinder singen dein Lob. Danke, dass sie zu uns gehören, dass wir an ihrem Leben Anteil haben, Danke für die Taufe von N.N.. Hilf uns, dass wir dem Singen Raum geben und der Liebe, dass wir etwas mitnehmen aus der Musik im Bethaus und selbst in der Liebe leben, in unseren Part-nerschaften und Familien, wie die Paare, die wir vor dir genannt haben, - in unserer Arbeit, in unserer Nachbarschaft.
Lobende schließen mit Amen. Ja, gib uns das Amen ins Herz und auf die Zunge. Nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen, aber zu Dir und zu dem Leben, das du uns schenkst und zu der Zukunft, in die du uns führst. Amen.
Vater unser .....

So. 28.10.12
Predigt in der Hubertusmesse in der…
Predigt in der Hubertusmesse in der Stadtkirche Rotenburg

Liebe Gemeinde zu dieser Hubertusmesse, Jägerinnen und Jäger und ihre Familien, Menschen, die sich an der Natur in dieser Zeit freuen, Gemeindeglieder und Gäste, die wegen der besonderen Musik hier sind!

Ein Text ist bei einer Hubertusmesse quasi immer gesetzt, das ist die Hubertuslegende. Einen zweiten habe ich selbst dazu gewählt, aus dem Buch des Predigers. Zuerst die Legende, damit sie in diesem Gottesdienst präsent ist. Sie wird verschieden erzählt, mit unterschiedlichen Vor- und Nachgeschichten. Heute in dieser Form:

„Hubertus (um 655-727) war ein Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse. Nachdem seine Frau Floribana im Kindbett gestorben war, stürzte Hubertus sich in weltliche Vergnügungen, um seinen Schmerz zu vergessen. Als er auch an einem Karfreitag jagte, erschien ihm ein Hirsch mit einem goldenen Kreuz zwischen dem Geweih und er sprach: „Warum läufst du mir nach? Ich bin in dem Geweih des Hirsches, ich bin es, den du verfolgst!“

Tief betroffen stellt Hubertus sein ganzes bisheriges Leben in Frage, zieht sich in die Einsamkeit zurück und sucht schließlich den Bischof Lambert auf. Der schickt ihn zum Studium der Theologie nach Rom. Dort beruft ihn Papst Sergius I., welcher in einer Vision vom Tod des Bischofs Lambert unterrichtet zum Bischofsnachfolger von Tongern und Maastricht. Als Bischof verlegte Hubertus im Jahr 716 seinen Sitz nach Lüttich, wo er 727 starb.“

Man kann die Hubertuslegende nach verschiedenen Seiten hin auslegen: Was ist das, dem wir nachjagen? Und aus welchen Motiven? Welcher Schmerz, welche Trauer liegt manchem Aktionismus zu Grunde? Oder auch: auf welche Weise begegnen wir Christus? Viele erleben Gott in einer ganz besonderen Weise, wenn sie draußen sind, weit weg von den Alltagsgeschäften in der Schönheit der Natur? Und was macht das mit ihnen? Welche Änderung des eigenen Sinns ergibt sich daraus für sie?
Mit dem biblischen Text, den ich heute der Hubertuslegende gegenüberstelle, will ich eine andere Frage aufwerfen: Die nach unserem Verhältnis zu den Tieren. Was sind Tiere für uns? Wie gestalten wir diese Beziehung, die immer schon gegeben ist, selbst wenn wir mitten in einer großen Stadt wohnen?

Aus dem Buch des Predigers Kapitel 3, 19-22:
„Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an "einen" Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“

Liebe Hubertusgemeinde!

Das ist ein Stück ungepredigter Bibel. In den Lesungen und Predigttexten unserer Kirche kommt dieser Text sonst nicht vor. Das scheint dann doch zu sehr unserem Selbstverständnis als Menschen entgegen zu stehen. Auf eine Stufe mit dem Vieh? Das hat mit unserem Alltagsverständnis nichts zu tun. Wie bunt, lebendig, ganz eigener Art ist doch unsere Menschenwelt: mit Häusern und Straßen, mit Musik und Kultur, mit Geld und Philosophie: wirklich eine eigene Welt! – Und die Welt der
anderen Geschöpfe ist der gegenüber Um-Welt – nichts anderes. Welt und Umwelt – das ist das Verhältnis. Ja, wir haben gelernt, dass wir die Umwelt schützen und bewahren müssen. Umweltschutz ist unzweifelhaft eine der vordringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben. Wir wissen, wenn die Umwelt zerstört wird, ist auch die Menschenwelt gefährdet. Aber vielleicht doch nicht unmittelbar? Manchmal scheint so eine Idee auf, dass wir die Künstlichkeit unserer Welt so weit treiben könnten, dass die Menschheit auch überleben kann, wenn vieles andere schon zerstört ist. Eine Zukunft ohne Eisbären und Tiger, ohne Orang-Utan und Nashorn, - aber den Menschen gibt es weiter. Das ist ja leider nicht unwahrscheinlich. Welt und Umwelt, die Menschen und die Tiere – beides scheint sich doch in einer großen Distanz gegenüber zu stehen.

Und da nun dieser Text und in seinem Licht die Hubertuslegende. Warum ist Hubertus eigentlich der Schutzheilige der Jäger und nicht der Tiere? Ist das nicht der eigentlich radikale Gedanke in dieser Legende: Christus identifiziert sich mit dem Tier. Warum verfolgst du mich. „Was Ihr einem dieser geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ – sagt nach dem Matthäusevangelium Jesus Christus im Blick auf hungernde, durstende, ungekleidete, flüchtende, gefangene Menschen:
Ich, Christus, in ihnen. Wenn Ihr mich sucht, nehmt ein Kind auf. Wenn ihr mir nahe sein wollt, geht auf den Fremden vor eurer Tür zu.
Aber das ist in dieser Legende noch radikaler: Den Christus, den von Gott Gesalbten, finden wir auch in diesem verfolgten Tier. Das Kreuz über dem Geweih meint ja genau dies: haben beide einerlei Odem – Lebendigkeit von Gott in diesem Tier wie im Menschen. So wie die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel festhält: die Tiere und der Mensch wurden am selben Tag erschaffen. Der Mensch, König, Erfinder, Künstler und Philosoph zusammen mit den Tieren des Feldes, ein jedes nah seiner Art, und dem Vieh nach seiner Art und allem Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Wie ist unser Verhältnis zu den Tieren? Bei der Jagd, zuhause im Umgang mit den Tieren, die vielleicht bei uns wohnen, in unserem Alltag, beim Autofahren, beim Einkaufen, bei den Mahlzeiten?
Was sind die Tiere für uns?

Bei mir selbst erschrecke ich über die tiefe Widersprüchlichkeit: In unseren Garten an der Goethestr. kommen regelmäßig Rehe. Wenn sie da sind, stehen meine Frau und ich oft staunend am Fenster: Was für edle Tiere, welche Schönheit und Würde. Ihre Scheuheit wirkt wie Unantastbarkeit. Und haben wir wirklich mehr Recht auf die Schönheit der Rosenblüten als sie auf ihren Geschmack? Aber wenn ich dann auf den Straßen hier unterwegs bin mit den vielen Dreifüßen: Wie viel Langsamkeit
mute ich mir und anderen dann wirklich zu, um bloß nicht eines dieser schönen Tiere zu verletzen? Die beiden Katzen in unserem Haus sind ein Stück Lebensqualität und eine tägliche Predigt des Evangeliums: Wie das bei Matthäus über die Vögel steht, die sie manchmal jagen: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und sind doch auch schöner gekleidet als Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Sorge nicht. Das Leben würde sich anstrengender anfühlen ohne sie. Und Tiere, die uns begleiten und zunutze sind: wie die Hunde der Jäger und Pferde der Reiter. In einem Stall las ich vor kurzem: „Wenn der Mensch denkt, dass sein Pferd nichts fühlt, dann fühlt das Pferd, dass der Mensch nicht denkt.“ Das ist eben doch tatsächlich eine ganz tiefe Bindung, zu denen Menschen und Tier da wechselseitig in der Lage sind. Auch wenn wir uns in die Seele eines Tieres nicht einfühlen können: dass nicht nur wir zu ihnen, sondern sie auch eine Beziehung zu uns haben, das wissen und spüren wir eben doch.
Und die Tiere, die wir essen? Über deren Existenz und deren Bedingung ich normalerweise nicht nachdenke? Vielleicht noch bei einem Festessen mit einem sehr schönen Stück Fleisch: Dass mir das Leben dieses Tieres für einen Augenblick bewusst wird und ich Dankbarkeit empfinde, dass ich es schmecken und von seiner Kraft leben darf. Aber dieses ungezählte Alltagsfleisch in Würsten und Soßen, in Salaten mit Putenstreifen und Lachssstückchen? Hält das Stand vor diesem Text? „Und
haben alle einerlei Odem und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh – wer weiß, ob der Odem Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs hinab?“
Das ist wahrscheinlich das Schlimme, das, was nicht stimmt in unserem Umgang mit den Tieren: nicht das Töten selbst, nicht, dass wir auch von den Tieren leben, sondern diese Nichtbeziehung, dieser nur instrumentelle Umgang mit den Mitgeschöpfen, Zweck für etwas anderes, selbst gar nicht in unserem Blick. Eben genau wie der Hirsch, den Hubertus jagt: zufälliges Objekt seiner blinden Trauer, seines Jagdinstinkts, mit dem er übertüncht, was ihn im Innersten umtreibt. Und genau in diesem Moment spricht der ihn an: was verfolgst du mich? Was auch bedeutet: Wer bist du, dass du mich verfolgst? Wer bist du, Mensch, der sich in eine solche Nichtbeziehung versteigt? Der du dich herauslöst aus allen natürlichen Zusammenhängen, der du dich erhebst? Und genau so verlierst? Für Hubertus führt die Begegnung auf der Jagd zu einer vollkommenen Neuorientierung seines Lebens, nicht einfach nur, dass er nicht mehr am Karfreitag jagen geht, sondern, dass er noch einmal neu nachdenkt, wer er selbst eigentlich ist und sein will. Die Begegnung mit dem anderen Geschöpf als eine Chance, sich selbst noch einmal neu und anders zu verorten zwischen Himmel und Erde. Was, wenn wir uns nicht von der Krone her denken, von oben, von der Macht und Fülle menschlicher Möglichkeiten, sondern von unten her, von unserer eigenen Geschöpflichkeit her näher bei den Tieren? Wenn wir uns verstehen ausgehend von den Grundbedürfnissen, die ein Mensch hat so wie auch ein Tier, von der Zuwendung her, auf die wir angewiesen sind, von der Achtung und vom Staunen her. Wenn wir uns selbst denken und entwerfen von dem konkreten Ort her, an dem wir
leben, und von den Menschen und Tieren her, mit denen wir diesen Ort teilen, - ausgehend von unserer Verantwortung, aber auch von den Grenzen unseres Überblicks? Was , wenn wir unser Leben auch verstehen von seinem Ende her: Dass wir sterben wie alle Geschöpfe und auf dieser Erde auf die Länge nichts bleibt und auch nicht bleiben muss, letztlich uns denken von Gott her, der uns ins Leben gerufen hat und zu sich zurückholt, der uns den Atem gegeben hat und wieder nehmen wird?
„Denn so sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seinem Tun, - im Einklang mit dem, was ihn umgibt, stimmig zu sich und dieser Welt, - denn das ist sein Teil. Wer wird einen Menschen aber dazu bringen, dass er sehen kann, was nach ihm geschehen wird?“ Amen.

Mo. 28.05.12
Pfingstpredigt auf dem Pferdemarkt in…
Pfingstpredigt auf dem Pferdemarkt in Rotenburg

Frühstück bei Stefanie: „Du sag mal, der Heilige Geist ist doch irgendwie unsichtbar, oder? - Wie kommst du denn jetzt darauf. - Na, ich denk ja nur, wegen Pfingsten und so. Da ist er doch irgendwie tätig gewesen. Ja, und da denk ich: Wenn er unsichtbar ist, dann geht er natürlich nicht für so Schokogeschichten wie Nikolaus, Weihnachtsmann, Osterhase. Nun, ich mein nur: Eventmäßig ist Pfingsten doch ziemlich verpennt.“
Liebe Gemeinde, hier nicht! Das ist doch ein eindrucksvolles Ereignis an jedem Pfingstmontag seit sieben Jahren, dass wir, die Christinnen und Christen aus sieben Gemeinden in Rotenburg, diesen Gottesdienst zusammen feiern. Das ist doch ein Event. Und das wäre an keinem anderen Datum so passend wie gerade zu Pfingsten. Wegen des Heiligen Geistes, der da irgendwie tätig gewesen ist.
Allerdings, das Problem seiner Unsichtbarkeit bleibt dennoch. Der Geist lässt sich nicht in Schokolade gießen, meinte eine Kollegin irgendwie tröstend. So lässt er sich nicht fassen. Aber wie dann?
Bei unserer Vorbereitung für heute in einem sehr bunten Kreis von Mitarbeitenden aus unseren Gemeinden haben wir uns auf ein Gedankenexperiment eingelassen, und dazu laden wir Sie jetzt auch ein. In der Bibel gibt es viele Arten, vom Geist Gottes zu sprechen. Da ist die Erzählung, die wir vorhin gehört haben: Ein großes Wunder, dem sich unser Fest heute verdankt, ein plötzlicher Wechsel der Stimmung, ein Durchbruch, Begeisterung, Feuer und Flamme sein, sich verstehen über Grenzen hinweg, sich in den Armen liegen, plötzlich wissen, dass wir zusammen gehören, und dass das wichtiger ist als alles, was uns trennen könnte. Und nicht wenige warten und hoffen auf ein solches Pfingstfest neu in unserer Zeit. Jetzt muss es doch geschehen.
Aber Geistesgegenwart gibt es auch anders. Die Apostelgeschichte geht ja davon aus, dass das Wunder schon geschehen ist, dass der Geist schon wirkt. Wer jetzt in die Gemeinde kommt, der sieht keine Flämmchen und hört auch keine fremden Zungen, sondern begegnet ganz vernünftigen, überlegten Leuten, die allerdings – hoffentlich - ein Stück präsenter sind als andere, etwas bewusster, die tiefer fragen und weiter denken, die sich mit der Oberfläche nicht zufrieden geben, die nach dem Sinn fragen und mit ihm rechnen, die die Unterströmung der Weisheit Gottes erspüren, die da ist und fließt und die wir entdecken und aus der wir schöpfen können.
Am Anfang des Gottesdienstes haben wir von dieser Weisheit gehört, die eine Daseinsweise des Geistes Gottes ist:
„Gott schuf mich zu Beginn seiner Wege, als Erstes seiner Werke. Als er den Himmel ausspannte war ich dabei. Als er einsenkte die Fundamente der Erde: Ich war der Liebling an seiner Seite. Ich spielte die ganze Zeit vor ihm und meine Freude waren die Menschen.“
Ausdruck der Weisheit, Verdichtungen eines geistvollen Blicks auf unser Leben sind die Sprichworte, die die Weisheit um sich sammelt und aus sich gebiert. Die Bibel ist voll davon, und viele sind ein Teil unserer Alltagswelt geworden. Erinnerungen, dass es um Sinn geht, dass in dem, was uns alltäglich begegnet, eine größere, tiefere Geschichte spielt.
Der Geist kennt keine kulturellen und religiösen Grenzen. Und die Weisheit verbindet da Verschiedene. Darum finden sich vergleichbare Sinnsätze in allen Kulturen, in einer unerhörten Vielfalt und Buntheit. Hier an der Bühne finden Sie eine Auswahl, aber wir wollen sie mit Ihrer Hilfe noch weit größer machen. Dafür haben Sie alle einen Stift und eine Karte in der Hand. Wir bitten Sie um Ihr Sinnwort, ein Sprichwort, das Ihnen vertraut ist, das ihnen schon einmal einen Anstoß gab, noch einmal genauer hinzuschauen, besser zu verstehen. Es gibt keine Begrenzung, woher das kommen kann. Und gern unterhalten Sie sich dabei einen Augenblick nach rechts und links: Wo ist mir dieses Weisheitswort begegnet, wo benutze ich es und dann schreiben Sie es auf ihre Karte. Gern in großen, gut lesbaren Buchstaben.
Wir werden diese Sinnworte einsammeln und später, neu verteilt, Ihnen zurückgeben. Den Geist fassen? Vielleicht ist das eine Form. Aber wie gesagt, das ist ein Experiment. Wir beurteilen das am Ende gemeinsam. Und nun viel Freude mit den Nachbarn, und vergessen Sie nicht zu schreiben!
Musik von Sound of Life – dann Einsammeln der Karten – dabei das Lied zum Mitsingen: Wo ich auch stehe, du warst schon da...

Eine Auswahl von Sprichworten:
Ein wahrer Gelehrter schämt sich nicht, einen einfachen Mann zu fragen. (Chinesisch)
Ein gutes Wort wärmt drei Winter lang. (Chinesisch)
Wenn die Gazelle springt, sollte da ihr Kitz kriechen? (Westafrika)
Wer sich in einer Sänfte tragen lässt, weiß nicht, wie weit es bis zur Stadt ist. (akrikanisch)
Der Strand begrenzt nicht das Meer, sondern das Meer den Strand. (Russisch)
Hast du es eilig, gehe langsam. (Japanisch)
Lege das Ruder erst aus der Hand, wenn das Boot an Land ist.
Wirf keinen Stein in den Brunnen, aus dem du schöpfst. (Jüdisch)
Wer fühlt, was er sieht, tut, was er kann.
Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber Gott allein lenkt seinen Schritt. (Die Bibel)
Besser ein Teller Gemüse und Liebe dazu, als ein Mastochse und Hass dabei. (Die Bibel)
Ein gereizter Mensch entfacht Streit; ein geduldiger Mensch aber glättet die Wogen. (Die Bibel)
Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte gewinnt. (Die Bibel)
Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. (Die Bibel)
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Allen erscheint ihr eigener Weg recht; aber Gott prüft die Herzen. (Die Bibel)
Man fällt nicht, weil man schwach ist, sondern weil man meint, stark zu sein. (jüdisch)
Die Welt ist größer als das Fenster, das du ihr öffnest.
Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. (Jesus)
Was würde es einem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner Seele. (Jesus)
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Die Bibel)
Vielen Dank für alles, was Sie aufgeschrieben haben und was nun hier vorne hängt. Eine Fülle von Sprichworten, Bohrungen nach Sinn, Ankerpunkten für unser Verstehen in der Tiefe. Das, was aufgeschrieben ist, kommt zu Ihnen zurück, wie gesagt, neu verteilt, und vielleicht öffnet das Wort, das Sie bekommen, ein neues Fenster. Denn die Welt ist so viel größer als das Fenster, das jeder für sich ihr öffnet.

Liebe Gemeinde!
„Der Strand begrenzt nicht das Meer, sondern das Meer den Strand.“ Das ist eine wichtige Funktion von Sinn- und Sprichworten. Sie kehren die Perspektive um. Das hilft auch für das Verständnis des Kernsatzes der Pfingstpredigt des Petrus: „Was Ihr erlebt, ist das wovon der Prophet Joel geschrieben hat: Am Ende der Zeit werde ich meinen Geist über alle Menschen, (oder im ursprünglichen Text noch radikaler:) über alles Fleisch ausgießen.“
Das ist die entscheidende Frage: Ist das jetzt Realität oder hoffen wir noch immer auf unbestimmte Zeit? Gehen wir davon aus, dass diese Welt, sogar ihre Körperlichkeit, also diese konkrete Welt von
Gottes Geist durchdrungen ist, oder sehnen wir uns woanders hin und nehmen es mit dem, was uns umgibt, nicht so genau?
Es mag wohl so erscheinen, als sei der Strand fest und das Meer kommt und geht. Aber es ist umgekehrt: Das Meer ist Anfang und Ende und umspült unser Land. Nach dieser Zeit, d.h. um unsere Zeit herum, um das kleine Stückchen Wirklichkeit, das wir überschauen und verstehen mit unserem Verstand und unserem Geist, - darum herum ist Gott, sein Geist. Und wir können ihn berühren wie der Strand das Meer, und wir können von ihm begeistert und durchdrungen werden und Dinge verstehen, die unsern eigenen Verstand übersteigen.
Was heißt Pfingsten? Gab es davor keinen Geist Gottes? Hat er ihn da noch zurückgehalten? Zerteilt der Anlass dieses Festes die Welt in unterschiedliche Zeitalter: mit und ohne Geist? Kein Wunder, dass dann Leute sagen, mit der Unsichtbarkeit dieses Festes hätten sie ihre Probleme. Das, was da behauptet wird, ist doch nicht da, nicht verlässlich, auch nicht in der Kirche, in keiner unserer Konfessionen, und wenn wir das noch so selbstbewusst behaupten wollten. Es müsste in jedem Fall doch noch einmal ein neues, richtiges Pfingstfest werden.
Aber Davor und Danach sind relativ. Das ist nicht ein für allemal. In jeder Situation zerteilt sich unsere Zeit in mit oder ohne Geist, in geistlos – unachtsam - in den eigenen Interessen gefangen – erschöpft – gelangweilt - unkritisch oder in: begeistert – selbstvergessen – ermutigt – gestärkt – brennend – wachsam - geistesgegenwärtig. Niemand ist nur das eine und niemand nur das andere. Uns allen gilt diese Zusage: Gott gießt seinen Geist aus auf jede und jeden. In jedem Augenblick können wir von hier nach dort gelangen, aus der Blindheit ins Erwachen.
Wie das geschieht? Unter der Voraussetzung, dass der Geist schon da ist? Dass wir nicht warten auf das ferne einschneidende Wunder? Dass wir uns selbst auf den Weg machen?
An Jesus selbst können wir lernen, wie das geschieht. Nicht von oben. Nicht belehrend. Nicht auf eine Autorität verweisend: „Es steht geschrieben. Gott hat gesagt.“ Sondern genau umgekehrt: Ihr wisst die Antwort schon. Sie ist schon in Euch.
Was sagt Ihr z.B.: Wer ist dem unter die Räuber Gefallenen der Nächste geworden? Wenn du von dem anderen her denkst, was heißt dann Nächster sein? Oder wer unter euch, der 100 Schafe hat und eines verläuft sich, geht dann nicht das eine suchen? Wenn es euer Tier ist, würdet ihr wirklich aus ökonomischem Kalkül das Risiko scheuen und das eine sterben lassen? Ihr wisst, dass die Herrscher dieser Welt ihre Völker niederhalten. Und bei euch? Wie wollt Ihr es denn selbst? So soll es doch nicht sein. Sondern? Wer der erste sein will, dient allen. Wie sonst? Und was würde es einem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt besitzen könnte und nimmt doch Schaden an seiner Seele? Da sind die Verhältnisse doch auch klar, oder? Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Das wissen wir.
Wir wissen die Antworten alle. Sie sind um uns, sie sind in uns, wie das Wasser, das den Strand umspült.
Und wir wissen die Antworten auch konkret: Was erntet man von Dornbüschen? Trauben etwa? Oder Feigen? Wie sollte aus Gewalt Frieden erwachsen? Wie sollte durch Geld eine menschliche Not befriedigt werden? Wie sollte aus Arroganz Freundschaft entstehen?
Gott traut uns zu, aus seinem Geist zu leben. Die Engländer nennen das Common sense: Der Sinn, der in allem ist. Die Wahrheit, die wir erkennen können. Mit gesundem Menschenverstand. Mit der Bereitschaft, sich einzufühlen, mit der Entschlossenheit, über sich selbst hinaus zu gehen und als ein Jünger, eine Jüngerin von Jesus zu leben.
Der Geist ist nicht simpel, aber er ist klar. Das Sprichwort selbst ist die Antwort noch nicht, aber es ist wie das Flussbett, durch das der Sinn einströmt. Vor allem unterbricht es das oberflächliche Reden, die Alltäglichkeit, in der sich die Dinge einfach immer fortsetzen.
Geistesgegenwart kann niemand machen, aber wenn Gottes Geist schon ausgeschüttet ist, wie sollten wir dann jenseits seiner Gegenwart leben können, - leben wollen?
Das ist nicht immer ein Event, und manchmal scheint es fast unsichtbar. Aber es ist unser einmaliges, kostbares Leben, mit dem wir Gottes Gegenwart, seinen Geist bezeugen. Amen.

So. 06.05.12
Gottesdienst am Sonntag Kantate mit der…
Gottesdienst am Sonntag Kantate mit der Aufführung der Chorkantate BWV 137 in der Stadtkirche Rotenburg

Guten Morgen, Ihnen liebe Gemeinde aus Sängerinnen und Sängern der Stadtkantorei, aus den Solis-ten und den Musikern der Bremer Ratsmusik, aus den Mädchen und Jungen der KinderKantorei, aus Ihnen und Euch, den Jungen und Alten, den Bachfreunden und denen, die nun nicht extra wegen der Musik gekommen sind, aus denen die mit Trauer und Sorge hier im Gottesdienst sind und den ande-ren, denen „Lobe den Herren“ aus einem fröhlichen Herzen kommt!
Am 25. Juni 1708 schreib der damals 23-jährige Organist Bach im Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen, er habe dort „seinen Endzweck, nemlich eine regulirte kirchenmusic zu Gottes Ehren“ nicht erreichen können; er hoffe aber „auf die Erhaltung meines endzweckes wegen der wohlzufaßenden kirchenmusik“ in seiner nächsten Position in Weimar.
Bachs Endzweck - eine eigentümliche Formulierung - das ist die Gestaltung einer regulierten Kir-chenmusik. Darunter verstand er das Komponieren und Aufführen von Kantaten im Gottesdienst. Das war nach seiner Auffassung seine eigentliche Bestimmung in dieser Welt. Die Frucht davon erleben wir heute durch das besondere Engagement von Kantor Karl-Heinz Voßmeier und allen, die mit ihm musizieren:
Im Mittelpunkt steht eine Kantate, die selbst gewissermaßen Bachs Endzweck oder Bestimmung zum Thema hat: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, BWV 137. Aufgeführt im Rahmen des Gottesdienstes am Sonntag Kantate erinnert sie uns selbst an unsere Bestimmung und Aufgabe, dass auch wir Antwort geben auf das Leben, das uns geschenkt wurde und einstimmen in den Chor aller Geschöpfe, die das Leben und seinen Schöpfer preisen. Dazu helfe uns Gott – bei allem, was für uns jetzt auch dagegen stehen mag. Amen.
Psalmgebet: Psalm 98
Kyrie-Gebet
Oft, Gott, haben wir das neue Lied nicht auf den Lippen. Haben keine Idee von seinem Text, trauen uns die neuen Klänge nicht zu.
Oft sind wir gefangen in ganz alten Melodien unserer Gewohnheiten, unserer Angst, der Konflikte, in denen wir gefangen sind, den Vorurteilen, mit denen wir auf die Welt schauen.
Deshalb sind wir angewiesen auf dich, du Inspiration unseres Lebens.
Lass dein neues Lied in unseren Herzen entstehen, und schenke uns den Mut und den Atem es anzu-stimmen, den Ton der Liebe, den Klang der Hoffnung auf deine Zukunft. Amen.
Vorspruch zum Gloria
Wenn Gottes Geist uns erfüllt und die Kraft seiner Liebe in uns Raum gewinnt, bleiben wir nicht stumm. Dann wird unser Leben verwandelt und vom Klang des Evangeliums erfüllt.
Wenn er uns die tröstenden Worte schenkt und Melodien, die das Herz leicht machen, wenn wir uns verbinden mit den Stimmen der Natur und für den Chor seiner Engel aufmerksam sind, dann klingt schon jetzt Gottes Lob hell und klar.
Eingangsgebet
Barmherzig und gnädig bist du, Gott, geduldig und von großer Güte. Darum gib unserem Leben ei-nen neuen Klang, stimm uns freundlich auf dich ein und lass uns in dem Chor, der dir singt, die eigene Melodie finden. Lass uns nicht vergessen, was du uns Gutes getan hast, dieses Leben und seinen unfassbaren Zauber, und dass du uns freundlich begleitest heute und an allen Tagen im Leben und im Sterben. Amen.
Hans-Peter Daub, Goethestr. 20, 27356 Rotenburg, siehe auch www.kirche-rotenburg.de
Evangelium: Lesung aus Matthäus 21,12 bis 17 – Neue Genfer Übersetzung
Jesus ging in den Tempel und wies alle hinaus, die dort Handel trieben oder etwas kauften.
Er warf die Tische der Geldwechsler und die Sitze der Taubenverkäufer um und sagte zu ihnen:
»Es heißt in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.‹ Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!«
Während er im Tempel war, kamen Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie.
Aber die Wunder, die er tat, und der Jubel der Kinder, die im Tempel riefen: »Gepriesen sei der Sohn Davids!«, erregten den Unwillen der führenden Priester und der Schriftgelehrten.
»Hörst du eigentlich, was die da rufen?«, sagten sie zu ihm.
»Gewiss«, erwiderte Jesus. »Habt ihr das Wort nie gelesen: ›Unmündigen und kleinen Kindern hast du dein Lob in den Mund gelegt‹?«
Damit ließ er sie stehen, verließ die Stadt und ging nach Betanien.
Predigt über Lobe den Herren (EG 317)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Bruder und Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Der heutige Predigttext ist das Lied, das der Kantate zugrunde liegt. Wir haben vier der fünf Strophen schon gesungen. Unter der Nummer 317 im Gesangbuch haben Sie den Text auch in der Hand.
„Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf! Psalter und Harfe wacht auf! Lasset den Lobgesang hören!“
Es ist ausgesprochen erstaunlich, dass ausgerechnet „Lobe den Herren“ das wohl erfolgreichste, be-liebteste deutsche Kirchenlied ist.
In unserer Welt, angesichts der Not in so vielen Leben: diese fünf Verse, die so voller Überschwang das Vorfindliche zu loben scheinen: - alles so herrlich regieret, - künstlich und fein dich bereitet, - Ge-sundheit verliehen, - freundlich geleitet, sichtbar gesegnet, - mit Strömen der Liebe geregnet.
Wovon spricht der Liederdichter? Und wie welt- und selbstvergessen scheinen wir, wenn wir aus vol-lem Herzen einstimmen?
Oder ist es das Lied für den glücklichen Augenblick, für das schöne Fest, die Höhepunkte im Leben? Wenn wir eine kirchliche Trauung besprechen, dann kommt dieser Liederwunsch, meist mit der Be-merkung: „Das können alle mitsingen. Und das passt da ja gut.“
Und das wäre ja ein schönes Zeichen über unserem Leben, dass es diese Augenblicke gibt, - anschei-nend doch so häufig, dass sich die dazu passenden Strophen einprägen. „Der Deinen Stand sichtbar gesegnet.“
Bei einer Andacht zum 80sten Geburtstag, z.B.: Wenn da Kinder sind mit ihren Familien, Freunde, Nachbarinnen. Wenn es möglich ist, auszugehen und in großer Runde ein gutes Essen zu genießen. Und die Pastorin oder der Pastor kommt, und wir stimmen gemeinsam an. Dann wissen in dem Mo-ment auch viele, dass es ganz andere Zeiten gab. Die Flucht, die schwere Krankheit eines Enkels, der Tod des Mannes vor fünf Jahren. Aber jetzt, in diesem Augenblick ist alles gut gefügt. Wir sind durch-gekommen, bis heute. Wir haben einander. Der Tag ist so hell. Jetzt gerade regiert Gott doch tatsäch-lich alles so herrlich.
Hans-Peter Daub, Goethestr. 20, 27356 Rotenburg, siehe auch www.kirche-rotenburg.de
Du sollst auch nicht undankbar sein. Darum wird es dieses Lied geben. Darum sollst du es auch mit-singen, wenn es gerade nicht gut ist. Dann erinnert es dich an die guten Zeiten und stärkt das Ver-trauen, dass es auch wieder anders werden kann.
Durchgemogelt? Zurechtgebogen? In einer Welt, die nicht gut regiert ist, sich an den Augenblicken freuen, in denen es anders scheint? Und dann nicht von den Schatten reden? Tief Luft holen – und man muss wirklich tief einatmen, um diese erst Zeile in einem Bogen singen zu können – 18 Takt-schläge, wo man sonst nach 8 oder höchstens 10 wieder atmen kann – und dann durch und mal nicht an das denken, was dagegen steht...
Manche können das. Und andere lehnen es ab, weil es ihnen nicht ehrlich erscheint, weil sie einen Glauben, der die glücklichen Ausnahmen feiert und sich um den Rest dann zu drücken scheint, ableh-nen. Ganz grundsätzlich - wie die große evangelische Theologin Dorothee Sölle, die meinte, das Lied geht nicht mehr nach Ausschwitz. Oder bitter persiflierend wie Berthold Brecht, der in seinem großen Dankchoral die Kälte lobt und die Finsternis und das Verderben! „Schauet hinan: Es kommt nicht auf euch an. Und ihr könnt unbesorgt sterben.“
Nachher hören wir die Kantate von Johann Sebastian Bach zum Lied. Das ist helle prächtige Musik, - mit Pauken und Trompeten, ursprünglich für den Sommer komponiert, - der 12. nach Trinitatis oder vielleicht auch aus Anlass einer Ratswahl, ein großes Fest in Leipzig - oder eben jetzt für diesen festli-chen Kantatengottesdienst. Genau an dieser im ersten Hören so strahlenden Musik habe ich neu ver-stehen gelernt, dass das Lied nicht die Ausnahme meint, sondern den „Endzweck unseres Daseins“, wie das Bach selbst ausgedrückt hat. Dass in allen Formulierungen des Liedes der Widerspruch, das Elend, auch das Unrecht unserer Existenz nicht ausgeblendet, sondern einbezogen ist. Und dass das vielleicht niemand genauer zu Tage gebracht hat als Bach mit seiner Musik.
Darum folgen jetzt einige Hörhilfen, die Sie hoffentlich nachvollziehen können, und die den Text noch einmal ganz anders zu verstehen lehren:
(1) Gleich der Eingangschor: strahlendes C-Dur, gespielt von einem großen Barockorchester, auch wenn jede Stimme heute nur einfach besetzt ist: Streicher und Oben, dazu drei strahlende Trompeten und Pauken, die einen klaren Rhythmus geben. Und trotzdem ist die Musik von Anfang nicht glatt: ein Echospiel von Oboen und Geigen und im Thema eine eigenartige Synkopierung, eine kleine Verschie-bung der Betonung. Wenn die Chorstimmen nacheinander einsetzen, ahnt man, dass das nicht leicht zu singen ist. Ein wirklicher Aufschwung. Eine Anstrengung. Trotz des schnellen, leichten Tempos. Aber das Lob fließt nicht einfach, weil das Herz voll ist über so viel Glück. Man spürt den Auftrag. Das Selbstgespräch: Lobe, meine Seele. Tu, was Deine Bestimmung ist. Schwing Dich dazu auf. „Das ist mein Begehr.“ – Das ist nicht Spaß wie das Lied, das mir im sonnigen Frühling auf die Zunge kommt. Sondern es ist, wonach ich eine Sehnsucht habe: Dass das Leben stimmig ist und dass ich darum sin-ge. Aber das ist eben gerade nicht selbstverständlich.
Gedichtet hat den Text nicht die lebenssatte Jubilärin sondern Joachim Neander, ein 25-Jähriger, der ein schweres Leben hat. Er ist Theologiestudent aus einer Pastorenfamilie in Bremen, begeistert von den pietistischen Predigten eines Zeitgenossen, der lehrt, dass der Glaube nicht ein bürgerliches Ac-cessoire ist, eine Art Anstecknadel in Kreuzform, sondern dass es um eine Haltung geht, einen Auf-trag, eine Bestimmung für das ganze eigene Dasein. Die Bedingungen, unter denen Neadner seine Bestimmung leben kann, sind schwer. Eine Pfarrstelle gibt es für ihn nicht, er schlägt sich durch mit einer karg bezahlten Schulstelle in Düsseldorf. Dort findet er Menschen, die verstehen, was ihn im Innersten umtreibt, die auch nach diesem Ernst einer Existenz im Vertrauen fragen. Mit ihnen feiert er nachmittags draußen in dem Tal, das viel später tatsächlich nach ihm Neanderthal benannt wird, Bibelstunden und Gottesdienste. Hier entsteht sein Lied. In einem äußeren Sinn ist da gar nichts gut regiert, und nichts sicher geführt, und Gesundheit in dem Sinn, wie wir das verstehen, ist Neander auch nicht verliehen. Er stirbt nur wenige Jahre später 30 Jahre alt. Aber er fordert seine Seele auf zu dem, was ihre Bestimmung ist: Gott, dem Schöpfer Antwort zu geben, mit IHM im Gespräch zu sein, - zu loben – Ja zu sagen.
Bach hat das verstanden – durch und durch. Das zeigt schon der Eingangschor mit den anspruchsvol-len Chorstimmen, die ganz polyphon geführt werden, vielstimmig wie das Ringen in uns selbst, bis der
Hans-Peter Daub, Goethestr. 20, 27356 Rotenburg, siehe auch www.kirche-rotenburg.de
Cantus firmus, der klare Lobvers über dem allen im Sopran erklingt. Nur an einer Stelle ist der Satz homophon, ein gemeinsamer, gleichmäßiger Klang: „Kommet zu Hauf. Psalter und Harfe wacht auf.“ Es ist ein errungener Augenblick, in dem die Anstrengung der Seelen, ein Ja zu gewinnen, zusammen stimmen zu dem harmonischen Klang einer Gemeinde. Aber der Zusammenklang in einer Gemeinde setzt voraus, dass wir uns selbst rufen lassen, dass wir uns selbst auf den Weg machen, dass wir, jede und jeder für sich Antwort geben und Antwort wagen.
(2) Die zweite Strophe – sicher die, die am meisten missverständlich ist. Auch in der Musik. Es klingt ein beschwingter Neunertakt, darüber eine bewegte Solovioline. Und dann setzt in ganz klaren No-tenwerten die Choralmelodie ein: der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret? Immerhin lässt die Frage am Ende erkennen, dass sich solche Sätze ganz und gar nicht von selbst verstehen, ja, dass es wohl zynisch wäre zu unterstel-len, als würde der Lebensweg, der Menschen zugemutet wird, ihnen gefallen wie einem ein Klei-dungsstück gefällt. Das ist doch ein Weg, ein schmerzhafter Weg, bis das, was uns zufällt, wirklich so genommen und verstanden ist, dass wir es uns „ge-fallen“ lassen können. Vielleicht hilft eine Erinne-rung daran, woher Neander das Bild von den Fittichen eines Adlers hat: Das entstammt dem Lied des Mose vor seinem Sterben, aufgeschrieben im 5. Buch Mose: „Gedenke, Israel, der vorigen Zeiten. Gott sah dich in der Wüste. Er hatte auf dich acht und behütete dich wie seinen Augapfel, wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und leitete dich.“
Man muss die Wüste mitdenken, den Kampf und die Anstrengung dieses Weges, sonst ist das nicht verstanden. Oder wie Bach: Er hat, was da gesagt ist, noch einmal neu als Verheißung verstanden, nicht Beschreibung unserer Gegenwart, sondern Hoffnung für die Zukunft. Deshalb hat er dasselbe Musikstück, diesen 2. Satz der Kantate Jahre später noch einmal aufgeschrieben als ein Orgelstück, aber dann die Melodie einem Adventslied zugeordnet: „Kommst du nun, Jesus, vom Himmel herun-ter“ – weil unser Lob vorauseilt, weil noch gar nichts herrlich regiert ist, weil wir einstweilen noch hoffen und glauben.
(3) Die dritte Strophe – e-moll: Verschwunden ist der strahlende Klang, keine Streicher, keine Trompe-ten. Zwei Oboen spielen umeinander, dann zwei Singstimmen, Sopran und Bass – stimmlich so weit voneinander entfernt wie es nur möglich ist – als gälte es tatsächlich einen Graben zu überwinden, mit einem Widerspruch umzugehen. Die Melodie, die in der ganzen Kantate präsent ist, klingt hier nur noch in ihren ersten Tönen an. „Künstlich und fein bereitet“, - das heißt eben auch verletzlich, sterblich. „Gesundheit verliehen“, das heißt auch, dass sie uns nicht gehört, dass sie erlebt wird wie ein Glück auf Zeit. „Freundlich geleitet“ – auch auf ganz dunklem Weg. Und am meisten legt Bach in diese drei Worte hinein: „In wieviel Not“: schmerzende Chromatik, Rückungen immer einen Halbton weiter, die erkennen lassen, dass das etwas anderes ist als eine Pechsträhne.
(4) Wir sind noch nicht im Himmel, wir sind weit davon entfernt, aber wir machen doch Erfahrungen mit dem Himmel. Wir werden berührt und beglückt in unserer Mühe und Arbeit, in unserem Kummer und unserer Not. Sehr kunstvoll komponiert Bach diese Spannung in der 4. Strophe. Auch dieser Satz ist in Moll. Eine immer wieder kehrende bewegte Baßmelodie, auf und absteigend, mehr absteigend als aufsteigend, und in Sprüngen nach unten, - und immer wieder von vorn. Da wird nichts beschö-nigt. Nicht die Anstrengung eines Thomaskantors, auch nicht die existenzielle Not des Textdichters, der ein irdisches Glück in seinem Leben nicht findet. Und wir können uns und unsere Welt in dieser dunklen Grundfigur vielleicht auch finden. Aber die Aufforderung gilt auch hier, denn das ist der Sinn unseres Daseins: Ja sagen können, und uns in unserem Leben so einsetzen, dass wir auch mit dem Herzen Ja sagen können. „Lobe den Herren“, diesmal gesungen von einem kraftvollen Tenor, der viel Atem braucht, weil auf das dürre Land Ströme regnen sollen. Und über diesem Zwiegespräch, ob es möglich ist, in diesem Leben Glück zu erleben ohne sich davon zu stehlen, leuchtet strahlend hell die Liedmelodie in C-Dur, gespielt von einer Trompete. Für mich ist das wie der Sonnenstrahl durch einen tiefdunklen Gewitterhimmel, oder wie der Regenbogen der dann im Rücken steht.
Und dann wird der Fluss der Anstrengung unterbrochen, und die Ströme halten inne: Denke daran, denke, denke daran –: „Was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet“.
Hans-Peter Daub, Goethestr. 20, 27356 Rotenburg, siehe auch www.kirche-rotenburg.de
Vor der kurzen Schlussstrophe müssen wir darüber noch einen Augenblick innehalten: Was heißt „der Allmächtige“? Der Alleskönner? Die Macht, die keine Rücksicht braucht? Potenz der Potenz, von der die Mächtigen träumen? Aber Gott ist nicht allmächtig, - nicht in diesem Sinn. Er wollte es selbst nicht so sein, sondern Gott existiert in Beziehung. Er will und kann nicht anders da sein als im Kontakt mit seinen Geschöpfen. So wie wir Gott brauchen, so braucht er uns. Seine Macht ereignet sich in unserer Begegnung. Wenn wir uns voneinander abwenden, hören wir auf zu sein. Aber das ist seine Macht, dass es dazu nicht kommt. Niemals und gegenüber keinem Geschöpf. Denke daran. Denke an seine Lebensmacht, die geschieht, indem die Liebe geschieht.
Das ganze Lied ist so falsch, wenn wir da einen Potentaten denken, der regiert wie er will und unser Lob wie eine Kapitulation von uns verlangt. Aber es ist ein Werben umeinander. Wir brauchen ihn, wir brauchen diese Kraft des Lebens, die uns trägt auch in den ganz dunklen Stunden. Und Gott braucht unser Lob, er braucht unsere Antwort, Das Leben gelingt, in dem diese Beziehung gelingt.
(5) Der Schluss, aber eben genau kein Schluss: der fünfte Vers: „alles was Odem hat, lobe mit Abra-hams Samen“. Singend verbinden wir uns der einen Gottesgeschichte, die als Menschengeschichte geschieht. „Er ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht.“ Geh nicht aus diesem Kontakt, auch in der Fins-ternis nicht, auch im Weinen und Schreien, fordere IHN zu dir zurück. „Lobende schließen mit Amen.“ So soll es sein.
Bei Bach ist das gleich ein siebenstimmiger Satz, die vier Chorstimmen und drei selbständige Trompe-tenstimmen. Sieben, das ist die heilige Zahl. Der Schlusschoral ist ein Vorgriff, eine Ahnung von der anderen Wirklichkeit, in der dem Loben keine Träne mehr widerspricht. So soll es sein. Amen.
Fürbittengebet
Du willst, dass diese Kirche ein Bethaus ist, ein Ort an dem unser Handeln und unsere Händel unter-brochen sind, eine Zeit in unserem Leben, die nicht Geld ist und Konkurrenz und auch nicht einsam und leer. Unsere Zeit – Deine Zeit. Für diese Zeit und diesen Ort hast Du uns Musik geschenkt, große, bewegende Musik, die das Herz berührt. Dafür danken wir Dir. Hilf, dass unsere Seele dafür Raum gibt, Achtsamkeit, Gelassenheit, einen langen Atem. Dass wir Deine Gegenwart spüren und neu ge-wiss werden, wozu du uns haben willst. Und dass wir diesen Ort und diese Erfahrung mitnehmen in die neue Woche und die Anforderungen und die Not, die uns darin begegnen werden.
Du, Gott hast Unmündigen und kleinen Kindern dein Lob in den Mund gelegt. Sie sehen und spüren zuerst, was du tust. Und sie zeigen es auch. In dieser bedrohten, zerrissenen Welt: Dass das Leben Kraft hat, dass es sich zum Guten wenden kann, dass Blinde sehen und Gelähmte gehen, dass sich Verlorenes neu findet, dass dem Tod Leben abgerungen wird, unvermutet, hoffnungsvoll.
Gott, du kennst die Länder, Orte und Häuser, in denen die Sehnsucht, das Hoffen und Bangen um solche Zeichen Deiner Nähe groß sind. Völker im Aufruhr wie Syrien und Myanmar, Gefängniskerker, in denen der Mut verloren geht und der Wille gebrochen, dürres Land, das nicht genug zum Leben trägt, das auf unsere Solidarität angewiesen ist wie der Niger und weite Landstriche des Sahelgürtels, die Häuser der Sterbenden und Häuser, in denen Menschen um ihr Leben kämpfen, die Wohnungen der Trauer, wie die um N.N., die Orte der Verzweiflung und der Angst.
Unmündige und Kinder singen dein Lob. Danke, dass sie zu uns gehören, dass wir an ihrem Leben Anteil haben, Danke für die Taufe von N.N.. Hilf uns, dass wir dem Singen Raum geben und der Liebe, dass wir etwas mitnehmen aus der Musik im Bethaus und selbst in der Liebe leben, in unseren Part-nerschaften und Familien, wie die Paare, die wir vor dir genannt haben, - in unserer Arbeit, in unserer Nachbarschaft.
Lobende schließen mit Amen. Ja, gib uns das Amen ins Herz und auf die Zunge. Nicht, dass wir zu allem Ja und Amen sagen, aber zu Dir und zu dem Leben, das du uns schenkst und zu der Zukunft, in die du uns führst. Amen.
Vater unser .....

So. 28.10.12
Predigt über Kohelet 3, 19 bis 22 in der…
Predigt über Kohelet 3, 19 bis 22 in der Hubertusmesse der Stadtkirche Rotenburg

Liebe Gemeinde zu dieser Hubertusmesse, Jägerinnen und Jäger und ihre Familien, Menschen, die sich an der Natur in dieser Zeit freuen, Gemeindeglieder und Gäste, die wegen der besonderen Musik hier sind!
Ein Text ist bei einer Hubertusmesse quasi immer gesetzt, das ist die Hubertuslegende. Einen zweiten habe ich selbst dazu gewählt, aus dem Buch des Predigers.
Zuerst die Legende, damit sie in diesem Gottesdienst präsent ist. Sie wird verschieden erzählt, mit unterschiedlichen Vor- und Nachgeschichten. Heute in dieser Form: „Hubertus (um 655-727) war ein Sohn des Herzogs Bertrand von Toulouse. Nachdem seine Frau Floribana im Kindbett gestorben war, stürzte Hubertus sich in weltliche Vergnügungen, um seinen Schmerz zu vergessen. Als er auch an einem Karfreitag jagte, erschien ihm ein Hirsch mit einem goldenen Kreuz zwischen dem Geweih und er sprach: „Warum läufst du mir nach? Ich bin in dem Geweih des Hirsches, ich bin es, den du verfolgst!“
Tief betroffen stellt Hubertus sein ganzes bisheriges Leben in Frage, zieht sich in die Einsamkeit zurück und sucht schließlich den Bischof Lambert auf. Der schickt ihn zum Studium der Theologie nach Rom. Dort beruft ihn Papst Sergius I., welcher in einer Vision vom Tod des Bischofs Lambert unterrichtet zum Bischofsnachfolger von Tongern und Maastricht. Als Bischof verlegte Hubertus im Jahr 716 seinen Sitz nach Lüttich, wo er 727 starb.“
Man kann die Hubertuslegende nach verschiedenen Seiten hin auslegen: Was ist das, dem wir nachjagen? Und aus welchen Motiven? Welcher Schmerz, welche Trauer liegt manchem Aktionismus zu Grunde? Oder auch: auf welche Weise begegnen wir Christus? Viele erleben Gott in einer ganz besonderen Weise, wenn sie draußen sind, weit weg von den Alltagsgeschäften in der Schönheit der Natur? Und was macht das mit ihnen? Welche Änderung des eigenen Sinns ergibt sich daraus für sie?
Mit dem biblischen Text, den ich heute der Hubertuslegende gegenüberstelle, will ich eine andere Frage aufwerfen: Die nach unserem Verhältnis zu den Tieren. Was sind Tiere für uns? Wie gestalten wir diese Beziehung, die immer schon gegeben ist, selbst wenn wir mitten in einer großen Stadt wohnen?
Aus dem Buch des Predigers Kapitel 3, 19-22:
„Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an "einen" Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre? So sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil. Denn wer will ihn dahin bringen, dass er sehe, was nach ihm geschehen wird?“
Liebe Hubertusgemeinde!
Das ist ein Stück ungepredigter Bibel. In den Lesungen und Predigttexten unserer Kirche kommt dieser Text sonst nicht vor. Das scheint dann doch zu sehr unserem Selbstverständnis als Menschen entgegen zu stehen. Auf eine Stufe mit dem Vieh? Das hat mit unserem Alltagsverständnis nichts zu tun. Wie bunt, lebendig, ganz eigener Art ist doch unsere Menschenwelt: mit Häusern und Straßen, mit Musik und Kultur, mit Geld und Philosophie: wirklich eine eigene Welt! – Und die Welt der anderen Geschöpfe ist der gegenüber Um-Welt – nichts anderes. Welt und Umwelt – das ist das Verhältnis. Ja, wir haben gelernt, dass wir die Umwelt schützen und bewahren müssen.
Umweltschutz ist unzweifelhaft eine der vordringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben. Wir wissen, wenn die Umwelt zerstört wird, ist auch die Menschenwelt gefährdet. Aber vielleicht doch nicht unmittelbar? Manchmal scheint so eine Idee auf, dass wir die Künstlichkeit unserer Welt so weit treiben könnten, dass die Menschheit auch überleben kann, wenn vieles andere schon zerstört ist. Eine Zukunft ohne Eisbären und Tiger, ohne Orang-Utan und Nashorn, - aber den
Menschen gibt es weiter. Das ist ja leider nicht unwahrscheinlich. Welt und Umwelt, die Menschen und die Tiere – beides scheint sich doch in einer großen Distanz gegenüber zu stehen.
Und da nun dieser Text und in seinem Licht die Hubertuslegende. Warum ist Hubertus eigentlich der Schutzheilige der Jäger und nicht der Tiere? Ist das nicht der eigentlich radikale Gedanke in dieser Legende: Christus identifiziert sich mit dem Tier. Warum verfolgst du mich. „Was Ihr einem dieser geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan“ – sagt nach dem Matthäusevangelium Jesus Christus im Blick auf hungernde, durstende, ungekleidete, flüchtende, gefangene Menschen: Ich, Christus, in ihnen. Wenn Ihr mich sucht, nehmt ein Kind auf. Wenn ihr mir nahe sein wollt, geht auf den Fremden vor eurer Tür zu.
Aber das ist in dieser Legende noch radikaler: Den Christus, den von Gott Gesalbten, finden wir auch in diesem verfolgten Tier. Das Kreuz über dem Geweih meint ja genau dies: haben beide einerlei Odem – Lebendigkeit von Gott in diesem Tier wie im Menschen. So wie die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel festhält: die Tiere und der Mensch wurden am selben Tag erschaffen. Der Mensch, König, Erfinder, Künstler und Philosoph zusammen mit den Tieren des Feldes, ein jedes nah seiner Art, und dem Vieh nach seiner Art und allem Gewürm des Erdbodens nach seiner Art.
Wie ist unser Verhältnis zu den Tieren? Bei der Jagd, zuhause im Umgang mit den Tieren, die vielleicht bei uns wohnen, in unserem Alltag, beim Autofahren, beim Einkaufen, bei den Mahlzeiten?
Was sind die Tiere für uns?
Bei mir selbst erschrecke ich über die tiefe Widersprüchlichkeit: In unseren Garten an der Goethestr. kommen regelmäßig Rehe. Wenn sie da sind, stehen meine Frau und ich oft staunend am Fenster: Was für edle Tiere, welche Schönheit und Würde. Ihre Scheuheit wirkt wie Unantastbarkeit. Und haben wir wirklich mehr Recht auf die Schönheit der Rosenblüten als sie auf ihren Geschmack? Aber wenn ich dann auf den Straßen hier unterwegs bin mit den vielen Dreifüßen: Wie viel Langsamkeit mute ich mir und anderen dann wirklich zu, um bloß nicht eines dieser schönen Tiere zu verletzen? Die beiden Katzen in unserem Haus sind ein Stück Lebensqualität und eine tägliche Predigt des Evangeliums: Wie das bei Matthäus über die Vögel steht, die sie manchmal jagen: Sie säen nicht, sie
ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und sind doch auch schöner gekleidet als Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Sorge nicht. Das Leben würde sich anstrengender anfühlen ohne sie.
Und Tiere, die uns begleiten und zunutze sind: wie die Hunde der Jäger und Pferde der Reiter. In einem Stall las ich vor kurzem: „Wenn der Mensch denkt, dass sein Pferd nichts fühlt, dann fühlt das Pferd, dass der Mensch nicht denkt.“ Das ist eben doch tatsächlich eine ganz tiefe Bindung, zu denen Menschen und Tier da wechselseitig in der Lage sind. Auch wenn wir uns in die Seele eines Tieres nicht einfühlen können: dass nicht nur wir zu ihnen, sondern sie auch eine Beziehung zu uns haben, das wissen und spüren wir eben doch.
Und die Tiere, die wir essen? Über deren Existenz und deren Bedingung ich normalerweise nicht nachdenke? Vielleicht noch bei einem Festessen mit einem sehr schönen Stück Fleisch: Dass mir das Leben dieses Tieres für einen Augenblick bewusst wird und ich Dankbarkeit empfinde, dass ich es schmecken und von seiner Kraft leben darf. Aber dieses ungezählte Alltagsfleisch in Würsten und Soßen, in Salaten mit Putenstreifen und Lachssstückchen? Hält das Stand vor diesem Text? „Und haben alle einerlei Odem und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh – wer weiß, ob der Odem Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehs hinab?“
Das ist wahrscheinlich das Schlimme, das, was nicht stimmt in unserem Umgang mit den Tieren: nicht das Töten selbst, nicht, dass wir auch von den Tieren leben, sondern diese Nichtbeziehung, dieser nur instrumentelle Umgang mit den Mitgeschöpfen, Zweck für etwas anderes, selbst gar nicht in unserem Blick. Eben genau wie der Hirsch, den Hubertus jagt: zufälliges Objekt seiner blinden Trauer, seines Jagdinstinkts, mit dem er übertüncht, was ihn im Innersten umtreibt. Und genau in diesem Moment spricht der ihn an: was verfolgst du mich? Was auch bedeutet: Wer bist du, dass du mich verfolgst? Wer bist du, Mensch, der sich in eine solche Nichtbeziehung versteigt? Der du dich herauslöst aus allen natürlichen Zusammenhängen, der du dich erhebst? Und genau so verlierst?
Für Hubertus führt die Begegnung auf der Jagd zu einer vollkommenen Neuorientierung seines Lebens, nicht einfach nur, dass er nicht mehr am Karfreitag jagen geht, sondern, dass er noch einmal neu nachdenkt, wer er selbst eigentlich ist und sein will. Die Begegnung mit dem anderen Geschöpf als eine Chance, sich selbst noch einmal neu und anders zu verorten zwischen Himmel und Erde. Was, wenn wir uns nicht von der Krone her denken, von oben, von der Macht und Fülle menschlicher Möglichkeiten, sondern von unten her, von unserer eigenen Geschöpflichkeit her näher bei den Tieren? Wenn wir uns verstehen ausgehend von den Grundbedürfnissen, die ein Mensch hat so wie auch ein Tier, von der Zuwendung her, auf die wir angewiesen sind, von der Achtung und vom Staunen her. Wenn wir uns selbst denken und entwerfen von dem konkreten Ort her, an dem wir leben, und von den Menschen und Tieren her, mit denen wir diesen Ort teilen, - ausgehend von unserer Verantwortung, aber auch von den Grenzen unseres Überblicks? Was , wenn wir unser Leben  auch verstehen von seinem Ende her: Dass wir sterben wie alle Geschöpfe und auf dieser Erde auf die Länge nichts bleibt und auch nicht bleiben muss, letztlich uns denken von Gott her, der uns ins Leben gerufen hat und zu sich zurückholt, der uns den Atem gegeben hat und wieder nehmen wird?
„Denn so sah ich denn, dass nichts Besseres ist, als dass ein Mensch fröhlich sei in seinem Tun, - im Einklang mit dem, was ihn umgibt, stimmig zu sich und dieser Welt, - denn das ist sein Teil. Wer wird einen Menschen aber dazu bringen, dass er sehen kann, was nach ihm geschehen wird?“ Amen.