Andachten

Kurz innehalten. Sich für einen Moment besinnen, woher wir eigentlich kommen, was wichtig ist im Leben. Dabei helfen uns kurze Andachten. Die Pastorinnen und Pastoren des Kirchenkreises Rotenburg verfassen jede Woche zwei Zeitungsandachten für die Rotenburger Rundschau und die Rotenburger Kreiszeitung. Wir veröffentlichen sie hier und schaffen damit ein Archiv, auf das Sie zurückgreifen können, wann immer Sie möchten. Denn: Ihre Zeitung werfen Sie irgendwann in den Papierkorb. Die Andachten behalten jedoch ihre Gültigkeit jenseits der Tagesaktualität.

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Mo. 15.12.14
Mein Herz schlägt schneller als deins
Dr. Matthias Wilke
Mein Herz schlägt schneller als deins

Diese Feststellung kann verschiedene Ursachen haben: Zum einen eine biologische. Der, der das sagt, ist viel kleiner, jünger als der andere. Zum anderen eine psychologische. Es könnte sein, dass er einfach leichter zu begeistern ist. Denn, wissen wir alle, Freude (oder Angst) macht Herzrasen. Eine dritte Möglichkeit ist, er ist musikalisch ergriffen: „Mein Herz schlägt schneller als deins. Sie schlagen nicht mehr wie eins. Wir leuchten heller allein, vielleicht muss es so sein“.

Dieses Lied von Andreas Bourani lief gerade im Radio, als ich an der Ampel hielt und auf den Lippen im Rückspiegel im Wagen vor mir eben diese Zeilen meinte mitlesen zu können. Aber warum sangen diese Lippen so? Hatten sie sich vor kurzem von jemandem getrennt? Oder woran dachten sie? Mitten unter den Lichtern des Advent (und vor der Ampel) eine Denkpause. Wenn der, an den ich als Christ im Advent besonders denke, nicht geglaubt hätte, dass sein Leben heller leuchtete, wenn er allein weiterginge, wäre er bei seinem Vater als Zimmermann geblieben oder hätte er sich einfach nur einem anderen Prediger angeschlossen, von denen es damals so viele gab… Welche Worte würden mir dann, durch alle Beleuchtung hindurch, Hoffnung geben?

Die Ampel sprang auf Grün und der Wagen vor mir fuhr seiner Wege. Dankeschön und schade, denn gerade wollte ich innerlich zu predigen beginnen: „Sein Herz schlägt schneller als meins. Denn was ich kaum zu hoffen wage, war für ihn schon Gegenwart: ‘Blinde sehen und Lahme gehen, … Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt;’ und weil das kaum zu fassen ist, fügte er hinzu: ‘und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.’“ (Evangelium nach Matthäus 11,5-6).

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Dr. Matthias Wilke

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Mo. 08.12.14
„Heute, Kinder, wird’s was geben …“
„Heute, Kinder, wird’s was geben …“

Eigentlich beginnt das Lied mit den Worten: „Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freun …“ Und es ist auch kein Nikolauslied sondern ein Weihnachtslied. Trotzdem hoffe ich für alle kleinen und großen Kinder, dass es heute in den geputzten Schuhen was gegeben hat.

Am 6. Dezember pflegen wir diesen Brauch im Gedenken an den Heiligen Nikolaus. Im 4. Jahrhundert war er Bischof in Myra und hat sich offenbar immer wieder für andere eingesetzt und Gutes bewirkt. Über seine Taten erzählen eine Reihe von Legenden und zeichnen dabei das Bild eines mutigen Menschenfreundes. Er gibt von seinem Reichtum ab und trennt nicht zwischen sozialem Engagement und spirituellem Leben.

So berichtet eine Legende von einer großen Hungersnot in Myra. Da legte ein Schiff aus Ägypten im Hafen an, das voll beladen mit Korn war. Bischof Nikolaus bat den Kapitän, einen Teil des Korns auszuladen und so den Hungernden in Myra zu helfen. Doch der Kapitän sagte: „Das Getreide ist für den Kaiser in Konstantinopel bestimmt. Wenn auch nur ein Sack fehlt, werde ich hart bestraft.“ „Hab keine Angst“, sagte Nikolaus, „gib uns ruhig das Korn. Ich verspreche dir, es wird nichts fehlen, wenn du in Konstantinopel anlegst.“ Der Kapitän vertraute dem Bischof und ließ das Getreide abladen, das die Menschen in Myra brauchten. Als das Schiff später Konstantinopel erreichte, war die Ladung kein Gramm leichter geworden.

Eine andere Legende erzählt, wie der Bischof während einer Seereise einen Mann aus Seenot rettete. Danach forderte er die anderen Seeleute auf: „Vertraut auf Gott, so wie ich, sein Diener, auf ihn vertraue, und ihr werdet gerettet werden.“

Noch viele weitere Geschichten beschreiben eindrücklich dieses Lebensmotto von Bischof Nikolaus: Gott dienen und sich für Menschen einsetzen, die Unterstützung brauchen.

Lassen wir uns davon anstecken! Dann wird es bestimmt was geben!

Mo. 01.12.14
Nicht in Stimmung für Weihnachten
Matthias Richter
Nicht in Stimmung für Weihnachten

Immer in der Adventszeit erzählt meine Freundin in Berlin, dass sie überhaupt nicht in Stimmung für Weihnachten ist. Wahrscheinlich vergisst sie, dass sie das schon letztes Jahr erzählt hat. Mal sagt sie: „Wie soll man bei 13 Grad plus in Weihnachtsstimmung kommen!“ Dann denke ich: Wie sollen dann die Australier in Weihnachtsstimmung kommen? Ein anderes Mal sagt sie: „Das Geschiebe in der Stadt hat ja mit Weihnachtsstimmung überhaupt nichts zu tun! Außerdem ist in den Adventswochen im Büro immer viel zu tun. Wenn man es mit den Kollegen mal ein bisschen weihnachtlich machen möchte, sind stattdessen immer dringende Projekte zu bearbeiten. Und abends ist man dann ja auch nicht mehr in Stimmung.“ Wenn dann endlich wirklich Weihnachten ist, fährt sie zu ihren Eltern. Dann gibt es drei Tage lang Lebkuchen, Stollen, Gänsebraten und Marzipan. Wenn sie wiederkommt, sagt sie: „Für meine Eltern besteht Weihnachten wohl nur aus Essen, ich habe bestimmt drei Kilo zugenommen.“ Ich glaube, wenn der Alltag wieder beginnt, ist sie richtig froh, dass sie nun nicht mehr in Weihnachtstimmung kommen muss

Sie ist bestimmt nicht die einzige, die sich mit dem Gefühl herumschlägt: „Ich bin überhaupt nicht in Stimmung für Weihnachten!“ Was soll man so jemandem sagen?

Man muss wohl die Personen anschauen, die zu Weihnachten gehören. Maria soll einen Sohn gebären. Dafür ist sie nicht nur nicht in Stimmung, es ist nicht nur unpassend, sondern sogar völlig unmöglich. Joseph ist auch nicht darauf eingestellt nun Vater zu werden. Beide sind überhaupt nicht in Stimmung wegen einer Volkszählung nach Bethlehem zu reisen. Jesus kam zur Welt, aber hat ihn jemand gefragt, ob er in Stimmung war, Gottes Sohn zu werden? Die Hirten auf dem Feld wurden von den Engeln geradezu überrumpelt und ob Maria so kurz nach der Geburt schon in Stimmung für einen Besuch war, dürfen wir bezweifeln.

Also: Weihnachten kommt einem so richtig in die Quere. Es durchkreuzt alle Erwartungen. Aber Menschen lassen sich darauf ein. Maria bekommt ihr Kind. Joseph wird Vater. Hirten machen sich auf den Weg. Gott wird Mensch – wie Sie und ich und ist in all dem dabei, was wir erleben und manchmal auch erleiden.

Darauf warte ich ab sofort wieder in diesem Advent ganz bewusst. Und wundere mich dann und wann. Gott gefällt es, in unpassende Situationen zu kommen. Gott ist ein bisschen unhöflich: kommt, wann er will, einfach so. Unvermutet. Unerwartet. Und zum Glück ist es gar nicht wichtig, ob ich in Stimmung für ihn bin.

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Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
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(04261) 77-0
Di. 25.11.14
Dem Stern folgen...
Dem Stern folgen...

Die Tage werden immer kürzer, und für viele von uns bedeutet das: Egal ob auf dem Weg zur Arbeit oder wieder nach Hause – der Himmel ist in Dunkelheit getaucht. Mit ein bisschen Glück sind dann wenigstens keine Wolken da, die uns die Sicht auf eines der wunderbarsten Naturphänomene nehmen: den Sternenhimmel.
Sterne können faszinieren, können Anziehungspunkte für uns sein, und das in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Für den einen sind es die Stars und
Sternchen, die Schönen und Reichen, die ihn ganz besonders interessieren. Für den anderen ist es der Stern, den er vor sich sieht, wenn er morgens in sein Auto einsteigt – auch wenn die Kenner eben jener deutschen Automarke sicherlich wissen, dass der Stern neuerdings häufig außer Sicht auf dem Kühlergrill prangt.
Sterne sind seit jeher für uns Menschen etwas Besonderes und markieren das auch: vielleicht als Rangabzeichen oder als Stern im Schulheft für einen sehr guten
Aufsatz.
Wie sehr Sterne aber eben auch Anziehungspunkt, ja sogar Wegweiser sein können, davon berichtet uns eine richtige Abenteuergeschichte im  Matthäusevangelium. Die Sternendeuter machen sich auf eine ungewisse Reise. Keine Karte weist ihnen den Weg. Nur ein Stern gibt ihnen den Anhaltspunkt,
wo das Besondere oder besser: DER Besondere zu finden sei. Ein König soll es sein, der geboren wurde! Ob sie da geahnt haben, dass der Stern sie am Ende in einen kleinen Stall führen würde und dass sie dort vor dem Retter der Welt auf ihre Knie fallen würden: dem Kind in der Krippe?
Auch wenn wir diesen Stern heute nicht mehr am Himmel sehen können, so bleibt er trotzdem für uns ein Wegweiser. Eigentlich müsste über jeder Gemeinde heute ein Stern stehen (und in vielen Kirchen ist das zu Weihnachten ja auch der Fall). Denn in unseren Gemeinden soll das fortbestehen, was uns Jesus vorgelebt hat. Sie sollen ein Ort der Nächstenliebe sein. Hierhin kann kommen, wer Hilfe braucht – egal, woher er kommt!
Dass aber unsere Gemeinden zu Orten der Nächstenliebe werden, dazu braucht es die Kraft und Mittel, die schon jetzt so viele Menschen aufbringen. Und damit das auch in Zukunft gelingt: Folgen wir dem Stern – dann schaffen wir Besonderes!

Mo. 10.11.14
Alte Zeiten
Martin Söffing
Alte Zeiten

In diesen Tagen wird viel erzählt und erinnert an eine gute, alte Zeit: an den Mauerfall vor 25 Jahren am 9.November 1989.

„Wir waren auf alles vorbereitet, nicht aber auf Kerzen und Choräle“, sagte damals ein Offizier der DDR-Armee. Gute alte Zeiten werden wieder lebendig. Zeiten, in denen durch Montagsgebete, die zu Montagsdemonstrationen wurden, eine friedliche Revolution möglich wurde.

Montagsdemonstrationen finden immer noch statt. Heute aber werden die Mahnwachen für Frieden und Gerechtigkeit missbraucht von gewalttätigen, antidemokratischen, menschenverachtenden Gruppierungen.

Da mischen sich alte Zeiten: die gute Zeit des 9. November 1989 und die abgrundböse Zeit des 9. November 1938.

Die alten, bösen Zeiten sind lebendiger als je zuvor.

Morgen beginnt die Ökumenische Friedensdekade 2014 unter dem Motto „Befreit zum Widerstehen“.

Wir sind aufgerufen, gegen Hass und Gewalt, gegen alle antidemokratischen Kräfte zu widerstehen und einzustehen für ein interkulturelles und interreligiöses demokratisches Zusammenleben.

In Flüchtlingsnetzwerken, durch das Engagement von Flüchtlingsbegleitern, durch Gebete für Frieden und Gerechtigkeit, mit Initiativen wie „Grenzen öffnen für Menschen – Grenzen schließen für Waffen“ wird der biblische Leitvers der Friedensdekade konkret: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Vor 25 Jahren hat dieser Geist die Kraft entfaltet, eine Mauer zu öffnen.

Heute brauchen wir ihn dringend, um die Mauern in den Herzen und Köpfen zu überwinden.

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Martin Söffing

Martin
Söffing
Pastor Klinikseelsorge AGAPLESION DIAKONIEKLINIKUM
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Mo. 13.10.14
Wer oder was sind eigentlich Yeziden?
Roger Moch
Wer oder was sind eigentlich Yeziden?

Im Moment werden in den Medien häufig die Yeziden (sprich: Jesiden) erwähnt. Es wird berichtet, dass sie vorrangig im Irak durch die Miliz „Islamischer Staat“ bekämpft und ermordet werden. „Die Verfolgung von Yeziden im Irak durch die islamistische IS-Miliz brachte Angehörige dieser Religionsgemeinschaft auch in Verden auf die Straße. Hunderte von Yeziden protestierten lautstark gegen den Völkermord und machten gleichzeitig auf die prekäre Situation der Flüchtlinge aufmerksam“ (Kreiszeitung v. 12.09.14). Auch unter uns in Rotenburg leben Yeziden, Wer oder was sind nun aber die Yeziden?

Sie sind von der Volkszugehörigkeit Kurden, sprechen das nordkurdische Kurmanji als Muttersprache. Ihre natürlichen Siedlungsgebiete befinden sich in Teilen der Länder Irak, Syrien, Türkei und Iran. Hauptverbreitungsgebiet ist der Nordirak. Hier leben ca. 550.000 Yeziden. Dort liegt sich auch das religiöse Zentrum Lalish. In Folge von Abwanderung leben weitere Yeziden in Armenien, Georgien, Russland und seit 1970 eben auch in Deutschland. Vereinzelt leben sie auch in anderen europäischen Staaten und in Nordamerika.

Die Yeziden stellen heute eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich muslimischen Kurden dar.

Es gibt keine offizielle Angaben über die Gesamtzahl der Bevölkerung. Sie wird auf 800.000 Personen geschätzt. In Deutschland sind bis zu 60.000 Yeziden beheimatet, mit großen Gemeinden bei uns in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen.

In der Geschichte wurden sie seit jeher verfolgt. Die Kämpfe der Araber gegen die Kurden in den Jahren 637 und 1246, die Mongolenangriffe und in neuerer Zeit die Armenier-Massaker von 1915, von denen auch Kurden betroffen waren, sowie Zwangsislamisierungen haben die Yeziden dezimiert. Dadurch kam es teilweise zur Geheimhaltung ihres Glaubens.

Weiterhin gab es gewaltsame Übergriffe gegen Yeziden: Entführungen, Morde und Enteignungen. Yezidische Dörfer im Nordirak wurden 1975 nach der Niederwerfung der kurdischen Nationalbewegung entvölkert und zwangsumgesiedelt. In den folgenden Jahren gab es wieder Enteignungen. Von 1986 bis 1988 wurden im Irak chemische Waffen gegen Kurden eingesetzt, Zwangsumsiedlungen wiederholten sich. Für 2004 und 2005 sind ebenfalls Gewalttätigkeiten dokumentiert.

1982 bekamen die Yeziden in Stade erstmals den Flüchtlingsstatus.

Die Yeziden hängen einem uralten Glauben an, der aus Vorderasien (Mesopotamien) stammt. Er soll vor 3.500 bis 4.000 Jahren entstanden sein und hat seine Wurzeln in einer antiken persischen Religion und Philosophie. Später beeinflusste diese Religion auch das Christentum und den Islam.

Jetzt müssen viele Yeziden, Christen und Muslime ihre Heimat im Nordirak verlassen, sie stellen sich alle gegen den gnadenlosen Schreckensfeldzug der IS-Milizen. Ich kann mich da nur der yezidischen Gemeinde Osterholz-Scharmbeck e.V. anschließen. Sie wirbt mit folgendem Motto: „Du musst kein Yezide sein, um für Șingal (die Heimat der Yeziden im Nord-Irak) zu sein – Es reicht, Mensch zu sein“.

 

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Roger Moch

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Weltanschauungsfragen
Roger
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Mo. 29.09.14
Weit außerhalb von Qaqortoq
Peter Handrich
Weit außerhalb von Qaqortoq

Als sich nach den Bundestagswahlen 2025 die erste große Koalition zwischen AFD und der Neuen Allianz abzeichnete, dachten wir zum ersten Mal darüber nach, das Land zu verlassen. Geordnet. Gut vorbereitet. Aber meine Frau und ich hätten eine neue Sprache lernen müssen, hätten von den Verwandten und Freunden wegziehen müssen. Und so ließen wir es. Als 2028 Deutschland aus der Europäischen Union austrat, war es plötzlich zu spät dafür. Mit der Gehbehinderung meiner Frau, unserem Alter und der Tatsache, dass wir nicht reich waren, würde uns kein Land der Welt aufnehmen. Als 2030 das Gesetz zum eingeschränkten Wohnrecht behinderter Menschen rechtswirksam wurde, wussten wir plötzlich, dass wir Deutschland illegal verlassen mussten. Trotz der Effektivität der Polizei und der Tatsache, dass wir durch Internet und Smartphones zu gläsernen Menschen geworden waren, gelang es uns, den Kontakt mit einer Organisation herzustellen, die uns von Rerik aus über Ostsee, Nordsee und Atlantik nach Grönland bringen wollte. Es kostete uns 120.000 Neue Mark. Ein alter Fischtrawler wurde so voll mit Menschen geladen, wie es nur ging. An Schlafen war nicht zu denken, manchmal auch nicht an Sitzen. Aber Hauptsache raus aus diesem Land! Gegen unsere Befürchtungen kamen wir tatsächlich in Grönland an. Unser illegaler Landgang in der Nähe von Tasiilaq flog aber auf, und wir kamen in ein Lager weit außerhalb von Qaqortoq. Hier werden wir halbwegs gut verpflegt, haben nichts zu tun und dürfen nicht in die Stadt. Wir wohnen mit einem Ehepaar aus Berlin-Dahlem in einem Zimmer und gehen uns auf die Nerven. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen wird. Gestern war „Tag des Flüchtlings“. Haben Sie an uns gedacht?

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Peter Handrich

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Pastor/-innen
Peter
Handrich
Pastor in den Rotenburger Werken
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Mo. 29.09.14
Nicht alleine sein
Matthias Richter
Nicht alleine sein

„Das Wichtigste ist ja, dass man nicht alleine ist. Haben Sie denn genug Personal?“ Der Mann, der so fragt, gehört zu den ersten Besuchern der neuen Palliativstation im Diakonieklinikum Rotenburg. Bei der Eröffnung am vergangenen Wochenende waren viele Besucher beeindruckt von den mit Bedacht gestalteten Räumen. Die Patientenzimmer, die Begegnungsbereiche und der Raum der Stille haben eine Atmosphäre, in der man sich geborgen fühlen kann. „Ist wirklich alles schön“, beharrt der Mann, „aber das Entscheidende sind die Menschen. Haben Sie genug?“ Und meine Antwort ist: Zum Glück nicht nur genug, sondern auch die Richtigen.

Der Betreuungsschlüssel auf einer Palliativstation ist etwas höher als in anderen Bereichen eines Krankenhauses. Das ist wichtig, weil es sich eben um schwerstkranke Patienten und ihre Angehörigen handelt. Aber die bloße Zahl der Schwestern, Pfleger und anderen Mitarbeiter macht es nicht. Auch die fachliche Qualifikation, die zu exzellenter Pflege befähigt, reicht alleine nicht aus. Sicher ist es wichtig, dass die Mitarbeiter dort besonders gut Bescheid wissen in Schmerztherapie und speziellen Ernährungsfragen. Genauso wichtig ist es aber, dass auf einer Palliativstation Menschen arbeiten, denen das Zu- und Hinhören besonders am Herzen liegen. Die auch traurige Geschichten aushalten und nicht reflexhaft sagen „Das wird schon wieder“. Die selbst von einer Hoffnung im Angesicht des Todes getragen werden.

Mehr als 40 Pflegekräfte haben bislang in unserem Krankenhaus die Ausbildung zur Palliativ Care-Fachkraft absolviert. Etliche von ihnen kenne ich persönlich und weiß, wie sehr ihnen die besondere Situation von Menschen am Lebensende bewusst ist und wie wichtig es ihnen ist, gerade hier Beistand zu leisten. Sie sind die Richtigen.

Und trotzdem gehen mir die Sätze des Besuchers nach. „Das wichtigste ist nicht alleine sein.“ Das gilt auch im normalen Leben. Und da kommt es dann auf Sie und auf mich an, dass wir nicht nur da, sondern auch die/der Richtige für die Situation sind.

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Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
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(04261) 77-0
Mo. 28.07.14
Beim Namen genannt werden
Beim Namen genannt werden

Manche Menschen haben ein gutes Namensgedächtnis, andere können sich besser Zahlen merken. Ich selbst kann mich relativ gut an Gesichter erinnern, allerdings vergesse ich Namen schnell wieder. Das ist mir oft unangenehm.

In dem Bibelwort für die kommende Woche heißt es: „So spricht Gott, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ (Jesaja 43,1).

Ich finde das einen ermutigenden Satz gerade jetzt, wenn es in den Schulen wieder Zeugnisse gibt. Da werden die Schüler und Schülerinnen namentlich aufgerufen, um die Bewertung ihrer Leistungen in Empfang zu nehmen. Viele werden sie voller Stolz ihren Eltern präsentieren, andere würden sie lieber verstecken, wohl kaum jemandem wird gleichgültig sein. Natürlich ist es wichtig, eine Vergleichbarkeit herzustellen, um herauszubekommen, ob jemand das Klassenziel erreicht. Wenn ein Mensch allerdings nur nach seinen Zensuren bewertet und nicht in seiner Einzigartigkeit gewürdigt wird, kann das Be- zum Verurteilen werden und Menschen schädigen.

Wie gut ist es, darauf zu vertrauen, dass Gott uns in unserer Einzigartigkeit gelten lässt. Mit den Kindern im Religionsunterricht singe ich am Anfang der Stunde: „Ja, Gott hat alle Kinder lieb, jedes Kind in jedem Land. Er kennt alle unsere Namen, hat uns alle in der Hand“. Und dann wird jeder Name einzeln genannt. Ich merke, wie wichtig den Kindern dieses Ritual ist, in dem sie sich alle wahr- und ernst genommen fühlen – unabhängig davon, was sie leisten. Ich kann mir vorstellen, dass es uns allen helfen würde, wenn wir uns in unseren Eigenheiten, statt sie zu vergleichen und zu bewerten, gegenseitig mehr gelten lassen würden. Darin könnte ein Stück Erlösung liegen, von der der Prophet Jesaja spricht.

 

Barbara Dieterich

Pastorin, Agaplesion Diakonieklinikum

 

Fr. 20.06.14
Die größte Katastrophe ist das Vergessen
Diakonie Katastrophe…
Die größte Katastrophe ist das Vergessen

Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag

Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von 42,5 Millionen Flüchtlingen aufmerksam zu machen.

Erdbeben, Stürme, Fluten und Kriege – überall auf der Welt und immer wieder werden Menschen Opfer von Gewalten. Naturgewalten sind immer noch nicht exakt vorauszusagen, darum treffen die meisten Katastrophen Menschen in ihrem Leben ganz plötzlich. Wir erfahren heutzutage schnell, wo etwas passiert. Manchmal vergessen wir aber auch genauso schnell.

 
Zum Beispiel Syrien. Drei Jahre schon dauert der Bürgerkrieg und spärlicher dringen Nachrichten an die vordere Linie der Aufmerksamkeit. Dabei spielt sich dort eines der größten Flüchtlingsdramen ab: 2,6 Millionen Menschen sind in die Nachbarländer geflohen, in Syrien selbst sind über 6 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Lage ist insgesamt besorgniserregend – die Menschen sind nachhaltig traumatisiert und geschädigt und brauchen weiter Hilfe an vielen Stellen.

 
Die Diakonie Katastrophenhilfe hilft seit nun 60 Jahren – dort, wo Menschen Hilfe dringend und sofort brauchen. Und darüber hinaus. Ausgehend vom Gebot christlicher Nächstenliebe und dem diakonischen Auftrag, getragen von der Großzügigkeit der Unterstützerinnen und Unterstützer, hilft die Diakonie Katastrophenhilfe unbürokratisch, schnell, unparteiisch und wirkungsvoll. Sie möchte auch dafür sorgen, dass wir nicht vergessen, unseren Schwestern und Brüdern in Not beizustehen – auch dann, wenn die akute Katastrophe abgeklungen ist.

 
Helfen Sie mit! - Informieren Sie sich: www.diakonie-katastrophenhilfe.de

 

Ich will deiner nicht vergessen. In meine Hände habe ich dich gezeichnet.
Jesaja 49, 15f

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Diakonie Katastrophenhilfe

Diakonie Katastrophenhilfe
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Mo. 05.05.14
Brüder zur Sonne zur Freiheit
De van Nguyen
Brüder zur Sonne zur Freiheit

Wie haben Sie den 1. Mai verbracht? Nelke im Knopfloch? Waren Sie demonstrieren? Haben Sie den „Tag der Arbeit“ verbracht oder nur einen freien Tag genossen? 1889 wurde dieser Tag zum ersten Mal begangen in Erinnerung an den Haymarket Riot in Chicago. Da hieß er noch „Kampftag der Arbeiterbewegung“.

Ich mag diesen Tag, weil er einer der wenigen Feiertage ist, an denen ein Pastor frei hat. Aber viel mehr noch, weil er für etwas steht, von dem unsere Gesellschaft profitiert hat. Dass am Sonntag nicht gearbeitet werden soll, ist keine Leistung der Kirche, sondern der Arbeiterbewegung. Soziale Veränderungen, Verbesserung der Arbeitsbedingungen – Leistungen der Arbeiterbewegung, die am 1. Mai gefeiert werden sollen. Vergleicht man die sozialen Forderungen der Bibel mit den Forderungen der Arbeiterbewegung, dann finden sich Gemeinsamkeiten in rauer Menge. Hält man das Liedgut nebeneinander, so finden sich fast wörtliche Übereinstimmungen.

Jedes Jahr am 1. Mai frage ich mich, warum es nie einen breiten Schulterschluss zwischen Kirche und Arbeiterbewegung gegeben hat.

Aber es gibt auch einen Unterschied: „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ – so heißt es im Bundeslied des Arbeitervereins. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ – so klingt es aus dem Evangelischen Gesangbuch.

Wer es richten soll, was falsch läuft in dieser Welt, auf wen man vertrauen soll – auf sich selbst oder auf Gott, das ist die scheinbar unüberbrückbare Differenz.

Die Kirchen waren nicht bereit, in Erwägung zu ziehen, dass Gott vielleicht auch durch die Arbeiterbewegung wirken könnte und die Not der Arbeiter war zu groß, als dass sie noch länger bereit waren auf den Arm Gottes zu warten.

Beide Seiten haben Recht. Beide Seiten setzen sich für das Wohl der Menschen ein. Beide Seiten sehen die Unerlöstheit der menschlichen Kreatur und richten ihre Hoffnung auf eine Zukunft, in der die Verhältnisse andere sein werden.

 

Brüder, in eins nun die Hände

Brüder, das Sterben verlacht

Ewig der Sklaverei ein Ende

Heilig die letzte Schlacht

Ob dies ein Vers aus der Bibel ist, oder eine Zeile aus einem Arbeiterlied – das dürfen sie selber nachschlagen.

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De van Nguyen

De
van Nguyen
Pastor i. R.
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Rotenburg (Wümme)
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(04261) 5560
Di. 22.04.14
"Und was hast du für ein Hobby?"
"Und was hast du für ein Hobby?"

Seit gut 50 Jahren gibt es James-Bond-Filme. Zum Jubiläum kam Ende 2012 "Skyfall" in die Kinos, ein spannender Agententhriller. Die ersten Worte des Titelsongs lauten "This is the end!" ("Das ist das Ende!") Zunächst trifft das auch auf James Bond zu. Auf dem Dach eines fahrenden Zuges wird er von einer Kugel getroffen und stürzt in die bodenlose Tiefe eines reißenden Flusses. Nach seiner wundersamen Rettung kommt es allerdings zu einem weiteren Absturz: übermäßiger Alkoholkonsum und Tablettenmissbrauch bringen den harten Spion an den Rand. Schmerzhaft verzieht er das Gesicht, ringt nach Luft und hat seine zitternde Hand nicht mehr unter Kontrolle.

 

"Das ist das Ende!" – Wer den Anforderungen nicht mehr genügt, wer den Eignungstest nicht besteht, wer abstürzt, wer den Erwartungen nicht entspricht, der ist am Ende. Aber nicht James Bond! Als er vor seinem Gegenspieler steht, und der ihn fragt: "Und was hast du für ein Hobby?", antwortet "007": "Auferstehen!"

 

Auferstehen – das ist auch die Antwort des christlichen Glaubens auf Abstürze und auf alles, was so aussieht, als sei es das Ende. "This is the end!" haben die Anhänger und Wegbegleiterinnen von Jesus gedacht, als sie ihn am Kreuz qualvoll sterben sahen. Und dann, drei Tage später, hörten sie: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!" (Lukas 24, 5b+6)

 

In Lebenssituationen, in denen der Boden unter meinen Füßen bedrohlich wankt, fällt es mir schwer, aufzustehen und begehbare Wege zu entdecken. Mir fehlt die Kraft für neue Schritte. Doch ich muss kein Superagent sein, um nach tiefen Krisen, Abstürzen, Versagen und Scheitern Auferstehung zu erleben. Ich kann es Gott zutrauen, dass er besonders an diesen Abgründen an meiner Seite steht und mich – auch durch die einfühlsame Begleitung hilfreicher Mitmenschen – Auferstehung erfahren lässt.

 

Ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest

Di. 15.04.14
Ostern gewinnt
Matthias Richter
Ostern gewinnt

Gestern im Büro: „Können Sie den Termin am 16. November übernehmen?“ Strahlend fragt mich die Kollegin, ob ich aushelfen kann. Na klar kann ich, auch wenn der November noch so gar nicht in meiner Vorstellung ist. Und so antworte ich: „Mach ich gerne – so Gott will und ich lebe.“ Der Nachsatz rutscht mir so raus. Ich kenne ihn von meinen Großeltern. Und die haben ihn aus der Bibel. Für mich bedeutet er ganz nüchtern: Plan ruhig dein Leben. Aber vergiss nicht, dass deine Pläne nicht alles sind. So ist er in mein Denken und manchmal auch spontanes Reden übergegangen.

Bei meiner Kollegin kommt das aber ganz anders an: „Herr Richter, so kenne ich Sie ja gar nicht. Besser doch, positiv denken und davon ausgehen, dass wir leben und es uns so gut geht wie heute.“ Da hat sie auch Recht. Und ich komme ins Nachdenken, ob mein Verslein nicht die Lebensfreude ausbremsen kann.

Es ist wie so oft: Beide Sichtweisen, so unterschiedlich sie auch scheinen, ergeben erst das Ganze. Ich will nicht immer alles Schlechte erwarten, alles immer unter Vorbehalt angehen – nach dem Motto: Es kommt sowieso anders. Andererseits will ich aber auch nicht vergessen, dass meine Pläne nicht alles sind. Oft tut es weht, wenn es anders kommt, als ich denke. Manchmal erweist es sich aber auch als Glück. Und in jedem Fall hilft mir die offene Zukunft, dass ich Mensch sein kann, der vieles selbst in der Hand hat, viel Verantwortung für eigenes und fremdes Leben trägt. Aber dass das zum Glück nicht alles ist.

Es ist kein Zufall, dass der Wechsel von der Passions- zur Osterzeit gerade im Frühling liegt. Der karge Winter liegt so dicht neben dem Aufbrechen der Natur. Genau das spiegeln unsere Feste. Die Passion steht für Pläne und Träume, die sich nicht erfüllt haben und den Schmerz darüber, den wir oft aushalten müssen. Ostern zeigt, dass es über unsere Pläne hinaus noch mehr gibt und bei Gott mehr drin ist, als ich machen kann. Beides ist mein Leben – und ich hoffe auch für mich, dass Ostern gewinnt.

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Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
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Mo. 31.03.14
Allenfalls Märzglocken
Peter Handrich
Allenfalls Märzglocken

Letzte Woche habe ich versucht, für meinen Gottesdienst am Ostersonntag Osterglocken zu bestellen. In unserer Gärtnerei haben sie mir gesagt, das wird schwierig. Ob ich, wenn das nicht klappen sollte, auch andere Blumen nehmen würde. Ja, habe ich gesagt, gerne Tulpen. O, haben sie gesagt, das wird schwierig. Ob auch andere Blumen gehen würden? Ja, was sollte ich anderes sagen als „Sommerblumen“? Sommerblumen gehen.

Überraschend für mich war, dass Blumen anscheinend tatsächlich noch nach ihren Zeiten im Jahr vermarktet werden. Der April, das späte Osterfest, ist zu spät für Osterglocken. Osterglocken sind allenfalls Märzglocken.

Dabei gibt es das ganze Jahr über Tomaten, meist aus den Niederlanden, wo auch die Osterglocken und Tulpen herkommen. Und als Schnittchendekoration sehe ich auch das ganze Jahr über Erdbeeren. Es gibt das ganze Jahr über Zucchini, Paprika, Kohl, Salat, Äpfel. Warum eigentlich keine Osterglocken?

Ich glaube, wir Menschen haben eigentlich ein ausgeprägtes Gefühl für die Jahreszeit. Wir wollen Osterglocken im Frühjahr, Sommerblumen im Sommer, Astern im Herbst und Weihnachtssterne zu Weihnachten. Das ist die jahreszeitliche Dekoration, die mit den passenden Papierservietten und Tischdeckchen harmoniert. Und vermutlich mit unserem eigenen Biorhytmus.

Aber natürlich möchten wir in jeder Dekoration alles das haben, was zum Leben dazugehört: Erdbeeren, Zucchini, Paprika, Kohl, Äpfel und Co. Wir sind doch freie Menschen und wollen die freie Wahl haben. Erdbeeren nur im Mai – unglaublich! Wo kämen wir hin, wenn neben der Deko auch noch das Essen jahreszeitlich beschränkt wäre. Also, außer zu einer besseren Ökobilanz?

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Peter Handrich

Arbeitsbereich in der Kirchengemeinde: 
Pastor/-innen
Peter
Handrich
Pastor in den Rotenburger Werken
Lindenstraße 14
27356
Rotenburg
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Mo. 17.03.14
Glauben – Wahrnehmen – Handeln
Matthias Richter
Glauben – Wahrnehmen – Handeln

Gestern klingeln sie wieder bei mir. Zwei Frauen im langen Rock, eine älter, die andere ein Teenager – Jehovas Zeugen. Ob ich an Gott glaube und mit ihnen darüber reden möchte. Meine Antwort ist ziemlich einsilbig: Ja, ich glaube an Gott, aber ein Gespräch möchte ich nicht führen. Meine Tür ist schon fast wieder zu, da kriegt mich die ältere der beiden Damen doch noch zu packen. Ob ich nicht auch meine: Diese Welt sei so schlecht, da sollte man sich doch am besten aus allem heraushalten und ein gottgefälliges Leben führen, so wie es „Jehovah“ möchte.

Ich muss gestehen: Eine solche Einstellung macht mich regelrecht sauer. Natürlich ist diese Welt nicht so, wie sie sein sollte. Und für diese Einsicht muss ich nicht mal bis nach Syrien schauen. Und natürlich fühle ich mich manchmal machtlos, angesichts der komplexen Herausforderungen dieser Welt: Wo fange ich an? Und oft sind die Situationen ja auch undurchsichtig – und da hilft es gar nichts, wenn ich Bibelstellen aus dem zwölften vorchristlichen Jahrhundert aus dem Zusammenhang reiße, um Antworten auf unsere Fragen zu finden.

Aber trotzdem ist die Folgerung für mich immer: Sich einmischen! Auch auf das Risiko, sich angreifbar zu machen. Ohne Besserwisserei und immer auch auf die Gefahr, einen Fehler zu machen. Recht verstanden sind Christen große Einmischer. Der Kern des Glaubens ist ja, dass Gott diese Welt nicht egal ist. Deswegen kann sie es seinen Freunden auch nicht sein. Und deswegen setzen sie ihren Glauben um. Sie haben einen guten Blick für das, was gerade Not tut. Und lassen sich dann nicht lange bitten, vernetzen sich mit anderen, suchen kreative Lösungen, die allen Menschen und unserer Erde dienen.

Das Leitwort unseres Kirchenkreises bringt das so auf den Punkt: Glauben – Wahrnehmen – Handeln. Ich bin froh, dass viele Menschen das schon lange zu ihrem eigenen Motto gemacht haben – und es ihnen ziemlich egal ist, wenn sie dafür schräg angeguckt werden.

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Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
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(04261) 77-0
Mo. 03.03.14
Eine Bereicherung
De van Nguyen
Eine Bereicherung

„Warum sind bei euch in Deutschland die Behinderten eigentlich immer auf einen Haufen untergebracht?“ Mein Schwager Sergio aus Frankreich hat mich zum ersten Mal in Rotenburg besucht und wir hatten einen Spaziergang durch die Werke gemacht. Die üblichen Verdächtigen sind uns dabei entgegengekommen. All die Menschen aus den Werken, denen ich tagtäglich auf der Straße begegne. Sergios Mutter ist mit ihren Eltern in den 1940er Jahren vor den Nazis nach Frankreich geflohen und eine Spur Misstrauen gegenüber Deutschland hat sich in der Familie gehalten. Ich konnte ihm auf seine Frage nicht antworten. Mir ist das immer recht selbstverständlich vorgekommen.

Im Zuge der Inklusion sollen nun nach und nach Wohngruppen aus den Werken in die umliegenden Orte umziehen. Ich weiß zu wenig von den Überlegungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben. Aber aus ganz egoistischen Gründen finde ich das schade. Ich fühle mich wohl am Rande der Werke zu wohnen. Maria mit ihrer Gitarre, Florian mit seinen Sorgen, Christian mit seiner etwas vorlauten Art und all die anderen, die nett grüßen und immer bereit für einen Schnack sind – es mag gute Gründe für eine Dezentralisierung geben, aber das, was mein Schwager kritisch beäugt hat, macht für mich ein großes Stück Lebensqualität in dieser Stadt aus. Es ist hier ein Stück entspannter als anderswo und ich bin mir sicher, das verdankt Rotenburg auch den Werken und ihren Bewohnern.

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Diesen Rat gibt der Prophet Jeremia. Ich muss da gar nicht lange suchen, sondern nur aus dem Fenster schauen oder die Lindenstraße entlanggehen.

Liebe Maria, lieber Florian, lieber Christian und wie ihr alle heißt: vielen Dank, dass ihr mein Leben bereichert.

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De van Nguyen

De
van Nguyen
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Mo. 17.02.14
Kein Beinbruch
De van Nguyen
Kein Beinbruch

„Das schönste am Alter ist, dass man keine Prüfung machen muss." Diesen Satz hat meine Mutter vor vielen Jahren in einer Radioandacht gehört und seitdem bei vielen Gelegenheiten zitiert. Für mich hat dieser Satz erst eine Bedeutung nach meinem Examen bekommen. Keine Prüfungen mehr machen zu müssen. Was für eine unglaubliche Erleichterung. Keine Prüfungen mehr. Frei!

Die Zeugnisferien sind zu Ende. Ob die Zeit nötig war um erst mal durchzuatmen oder sich von einem Schrecken zu erholen, muss jeder Schüler selbst entscheiden. Jetzt geht es wieder los und „nach den Zeugnissen ist vor den Zeugnissen". Ein Hamsterrad - und die Entwicklungen in der Bildungspolitik verstärken dies nur. Früher blieb man mal sitzen. Das war doof, aber kein Beinbruch. Heute ist das mit viel mehr Zukunftsangst verbunden. Die Leistungsschrauben sind fest angezogen in unserem Schulsystem und wer nicht mitkommt ist ein Versager. Ich habe großes Mitleid mit den heutigen Schülern.

Das schönste am Alter ist, dass man keine Prüfungen mehr machen muss. Bis dahin ist dieser Satz kein Trost. Das schönste an Luthers Lehre ist, dass ich vor Gott nicht in eine Prüfungssituation komme und Angst vorm Durchfallen haben muss. Das ist mir jetzt schon Trost und nicht erst später.

Liebe Schüler, es gibt Schlimmeres als eine Fünf - vielleicht ist das jetzt schon ein Trost.

Meinen Großeltern wurde jedenfalls an jedem Zeugnistag schon aus dem Flur zugerufen: „Ist es nicht schön, dass wir alle gesund sind!"

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De van Nguyen

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Mo. 20.01.14
Bildung ist die einzige Lösung
Bildung ist die einzige Lösung

An einem Vormittag in der Woche mache ich ein offenes Angebot für die Kinder und Jugendlichen in der Schule der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich nehme meine Gitarre mit und mit den älteren Jugendlichen singe ich (vorwiegend christliche Lieder). Vor einiger Zeit kam ein Jugendlicher dazu, der Joshua hieß. Ich fragte ihn, ob er denn wisse, woher der Name kommt. Er wusste es nicht und sagte, es interessierte ihn auch nicht. Er meinte, er wäre Atheist. Ich habe ihm gesagt: ich fände, es hat weniger etwas mit dem Glauben, als vielmehr mit Allgemeinbildung zu tun. So wie ich eigentlich Schneewittchen und Rumpelstilzchen kennen müsste, so gehören auch Mose und Josua und Abraham zum Grundwissen hier bei uns, denke ich.

Szenenwechsel. Im Swat-Tal in Pakistan geht ein Mädchen mit Begeisterung zur Schule und saugt alles Wissen auf wie ein Schwamm. Am 9. Oktober 2012 wird sie auf dem Schulweg von Talibankämpfern angeschossen. Angeblich widerspricht es dem Islam, dass Mädchen zur Schule gehen. Bildung überhaupt ist eine Bedrohung für die Taliban, sie sprengen unzählige Schulen in die Luft und lassen Fernseher und Computer verbrennen.

Malala, so heißt das Mädchen, ist gläubige Muslimin. Sie liest im Koran, dass jeder Mensch verpflichtet ist, zu lernen. Malala überlebt und setzt sich weiterhin ein für das Recht auf Bildung für alle, besonders aber für Mädchen. Sie gründet eine Stiftung dafür und sie hält eine Rede vor der UN. Ihr Wissen schützt sie vor den falschen Informationen und Manipulationen der Taliban.

Zurück zu uns hier. Wir haben das Recht und die Pflicht, zu lernen und etwas für unsere Bildung zu tun. Seit Luther können wir die Bibel selbst auf Deutsch lesen. Joshua kann sich informieren, was es mit dem Josua auf sich hat, dem Nachfolger von Mose.

Glaube hat auch etwas mit Bildung zu tun. Erst wenn ich die Geschichten der Bibel kenne, kann ich mich dazu verhalten. Es gibt so viel Spannendes, Tröstliches und Aufrüttelndes darin, das es zu entdecken gilt und das uns zu Mitmenschen bilden kann in unserer einen Welt.

Mo. 30.12.13
Ich sehe was, was...
Ich sehe was, was...

Sie kennen es sicherlich auch, dieses alte Kinderspiel: "Ich sehe was, was du nicht siehst..." In unterschiedlicher Zusammensetzung kann man es fast jederzeit und überall spielen. "Ich sehe was, was du nicht siehst. Und das ist grün!" "Das Moos neben dem Baumstamm? Das Auto dort unten? Die Jacke der Frau da vorne?"

"Ich sehe was, was du nicht siehst." Was sehen Sie, wenn Sie auf das neue Jahr 2014 blicken? Ein freudiges Ereignis? Einen bereits jetzt schon gut gefüllten Terminkalender? Einen Stellenwechsel? Ein Jubiläum?

Vielleicht sorgen Sie sich auch um das, was Sie sehen könnten: Wird mein Freund die erneute Krebserkrankung überleben? Behalte ich meinen Arbeitsplatz? Wird meine Kraft reichen für die vielleicht noch unsichtbaren Herausforderungen, die das neue Jahr mit sich bringt?

So klar und deutlich wie bei dem Kinderspiel können wir das, was uns in 2014 erwartet, vermutlich nicht sehen. Aber schon jetzt - kurz vor Beginn des neuen Jahres - gilt für alles, was wir erleben und erfahren werden: Gott will uns dabei begleiten. Unabhängig davon, ob das, was wir (nicht) sehen, blau oder gelb ist, dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott uns in allem und trotz allem nahe ist.

Ob Maria auch schon 'Ich sehe was, was du nicht siehst ' gespielt hat, weiß ich nicht, aber was wir an ihr erkennen können, hat Johannes Kuhn so beschrieben:

"Wie Maria – sich nicht verschließen, nicht nach Erklärung fragen, Vertrauen haben.

Wie Maria – ein weites Herz haben, Gott einlassen und sich nicht fürchten vor dem,

was kommt."

Diese Zuversicht wünsche ich Ihnen und mir für 2014!

Mo. 16.12.13
466/64
466/64

Das war 18 Jahre lang Nelson Mandelas Häftlingsnummer als Gefangener auf Robben Island. „Ein Mensch – eine Stimme!“ Mandela stand 1964 kurz davor, für dieses Recht, das keinem Menschen vorenthalten werden darf, auch mit Waffengewalt zu kämpfen. Da wurde er gefangen und zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Statt einer menschlichen Stimme galt er für Jahrzehnte dem Regime nicht mehr als eine Nummer. Dass der Mensch etwas anderes ist als eine Zahl, jede und jeder ein Wunder, das wurde im Gefängnis die Mission seines Lebens. "Es brauchte einen Mann wie Madiba, um nicht nur den Gefangenen zu befreien, sondern auch den Gefängniswärter", sagte jetzt Präsident Barak Obama über Mandela. Denn in autoritären Verhältnissen haben auch Gefängniswärter keine Stimme, sind austauschbar, Werkzeuge, Nummern.

Es soll einmal einen afrikanischen Stamm gegeben haben, der ein Stammesmitglied, das etwas Verletzendes und Schlimmes getan hat, in die Mitte genommen hat. Und dann haben alle zwei Tage lang ihm alles Gute erzählt, das er je getan hat. Sie haben nichts ausgelassen und jedes Mal mit Erstaunen entdeckt, wie viel da doch ist. Jeder Mensch sehnt sich nach Sicherheit, Liebe und Frieden. Das Böse, das er tut, ist wie ein Hilferuf. Indem sie das Gute erzählen, verbindet er sich neu mit den guten Seiten seines Wesens, erinnert sich, wozu er wirklich bestimmt ist.

Vielleicht hatte Mandela in diesem Stamm seine Wurzeln. Unvergessen, wie freundlich und offen er jedem Menschen begegnet ist, auch denen, die ihm so Schlimmes angetan haben. „Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?“ Aber Madiba setzt fort: „Wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes.“ Vielleicht war Mandela aber auch einfach nur um so vieles konsequenter als wir auf der Spur von Weihnachten: Menschen sind Kinder von Gott, und sie sollen im Frieden leben. Dazu hat Gott uns geschaffen. Niemand ist nur eine Zahl. Darum können auch wir uns mehr zutrauen. Das Erbe des so vertrauensvollen, mutigen, liebenden Mandela, der so lange 466/64 war, ermutigt uns dazu.

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