Andachten

Kurz innehalten. Sich für einen Moment besinnen, woher wir eigentlich kommen, was wichtig ist im Leben. Dabei helfen uns kurze Andachten. Die Pastorinnen und Pastoren des Kirchenkreises Rotenburg verfassen jede Woche zwei Zeitungsandachten für die Rotenburger Rundschau und die Rotenburger Kreiszeitung. Wir veröffentlichen sie hier und schaffen damit ein Archiv, auf das Sie zurückgreifen können, wann immer Sie möchten. Denn: Ihre Zeitung werfen Sie irgendwann in den Papierkorb. Die Andachten behalten jedoch ihre Gültigkeit jenseits der Tagesaktualität.

Seiten

Datum
Titel
Name
Mo. 26.08.13
24.08.1992, ein historischer Tag…?
Thomas Nuxoll
24.08.1992, ein historischer Tag…?

24.08.1992, ein historischer Tag…?

Wohl kaum !

Bestensfalls ein Gedenktag, ein Gedenktag der Sorte, an die man sich nur ungern und mit Widerwillen erinnert.

Rostock-Lichtenhagen, seit jenem Abend vor 22 Jahren trauriges Synonym für so etwas wie ein Progrom, jedenfalls nehmen Journalisten und Politiker nach mehr als 45 Jahren in Deutschland zum ersten mal wieder dieses Wort in den Mund.

Rechte Randalierer setzen unter dem Beifall einer johlenden Menge das Sonnenblumenhaus in Brand. Ein Plattenbau mitten in einer Plattenbausiedlung, eigentlich gedacht als Schutzraum für Asylanten und nebenan ein Wohnheim für vietnamesische Fremdarbeiter, zu DDR-Zeiten ins Land geholt, nun von der Geschichte überrollt und in Rostock gestrandet. Das Haus, von 150 Menschen bewohnt, wird in Brand gesetzt, Steine fliegen, Hassparolen werden skandiert, niemand gebietet dem Treiben Einhalt, Feuerwehr wird vertrieben, Polizei zieht sich zurück, nein, Hunderte, nein Tausende stehen dabei, klatschen Beifall und kommentieren dieses Fanal mit Zustimmung oder Nichtstun ! Wie konnte es nur dazu kommen ?

Wer trägt die Schuld, Verantwortung? Rechte Schlägertrupps? Politik? Staat? oder nicht doch wir alle?

Wir alle, die wir immer wieder „nur dabei“ stehen? teilnahmslos, wenn Unrecht geschieht, fasziniert von Gewalt, Live-Übertragung des Wahnsinns zur besten Sendezeit….Syrien…Mali…Ägypten….Berlin Alexanderplatz… immer wieder stehen wir nur dabei und glauben die Schuld würde nicht auch uns treffen….

Es gibt immer eine Alternative….Widerstand ist nie zwecklos! Hunderttausende versammelten sich im Herbst 1992 auf den Straßen um mit Kerzen in den Händen gegen rechte Gewalt zu demonstrieren…zu spät für das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, aber nicht zu spät für uns heute, um nicht mehr nur dabei zu stehen.

 

KONTAKT

Thomas Nuxoll

Thomas
Nuxoll
Katholischer Militärseelsorger, Lent-Kaserne Rotenburg
Tel.: 
04261 (1883860)
Mo. 19.08.13
Die Entdeckung der Langsamkeit
Die Entdeckung der Langsamkeit

Das Fahrrad ist doch eine geniale Erfindung! Ursprünglich hat es den Menschen geholfen, schneller als zu Fuß von einem Ort zum anderen zu kommen und auch größere Entfernungen zurückzulegen. Heute ermöglicht es den Menschen, im Vergleich zum Auto, langsamer und beschaulicher Strecken zu bewältigen.
Seit ein paar Jahren habe ich meinen „inneren Schweinehund“ überwunden und fahre  mit dem Fahrrad zur Arbeit, in diesem Sommer zunehmend lieber. Ich erlebe diese 25 Minuten, die ich ganz für mich habe, in der ich an der frischen Luft und in Bewegung bin, wie ein Geschenk. Ich sehe die Veränderungen in der Natur, die blühenden Blumen am Wegrand, ich nehme die Gerüche der verschiedenen Jahreszeiten wahr, ich grüße die Radler, die mir entgegenkommen und werde zurückgegrüßt. Ich habe Zeit, mich auf den Tag einzustellen bzw. von der Arbeit Abstand zu gewinnen, Menschen, denen ich begegnet bin, gute Gedanken zu schicken. Ich habe eine Pause zum Denken. Kein Verkehrsstau, keine Parkplatzsuche. Dafür nehme ich gerne in Kauf, langsamer und länger unterwegs zu sein als mit dem Auto.
Das Leben „entschleunigen“, eine Pause einlegen, zur Besinnung kommen trotz oder vielleicht auch gerade wegen all meiner Termine, das erlebe ich als hilfreich.
Gerade jetzt nach der Urlaubszeit, wenn der Alltag mit seiner Routine und all seinen Anforderungen wieder eingekehrt ist, wünsche ich uns allen immer wieder solche Auszeiten mittendrin, die wir einplanen und uns auch wirklich nehmen. Denn schließlich hat Gott uns die Zeit gegeben, aber von Eile – von Stress und Termindruck, von möglichst schnell und ähnlichem – hat er nichts gesagt.

Sa. 17.08.13
Alltags-Theater
Matthias Richter
Alltags-Theater

An diesem Wochenende sind sie wieder unterwegs in Rotenburg, Artisten und Comedians. Für sie wird die Straße zur Bühne. Viele werden sie zum Lachen bringen, verzaubern und manchmal auch in melancholische Stimmung versetzen.

Dabei ist das, was uns auf der Straße vorgeführt wird, dichter dran an unserem Leben, als uns das manchmal bewusst und vielleicht auch lieb ist. Wir Menschen spielen Rollen – in der Familie, der Partnerschaft, auf der Arbeit. Wir sagen Sätze, hinter denen wir nicht ganz stehen können. Wir machen Dinge, die wir eigentlich anders machen wollen. Wir benutzen Masken gegenüber unseren Freunden und Kollegen und auch denen gegenüber, die uns ganz nahe sind. Dann lachen wir, obwohl wir traurig sind oder machen gute Miene zum bösen Spiel.

Solches „Alltags-Theater“ kommt nicht gut an. Wo zu offensichtlich eine Rolle nicht zu einer Person passt, ist uns das unangenehm. Wo jemand seine Maske fallen lässt, sind wir enttäuscht oder erschrocken, dass wir nicht gemerkt haben, dass unser Gegenüber ganz anders ist.

Ein Freund hat aber neulich eine Lanze für das Maskenspiel im Alltag gebrochen. Er saß mit Kollegen in einer Besprechung und man war sich herzlich uneins. Mehr noch: Die Luft war dick, die Fronten verhärtet, man fand sich gegenseitig unmöglich. „Idioten sind es, wo bin ich hier hingeraten?“, das musste er immer denken. Beim Rausgehen aber ließ er dem größten Idioten an der Tür höflich den Vortritt: „Nach Ihnen, werter Kollege!“ Das mit dem „werten Kollegen“ ist ihm so rausgerutscht. Im Nachhinein aber freute er sich drüber. Im Moment hatte er es nicht so gemeint. Er hat damit aber spielerisch vorweggenommen, dass es beim nächsten Treffen vielleicht die Chance gibt, sich gegenseitig ganz anders und eben mit Wertschätzung zu begegnen. Die höfliche Maske hat ihm geholfen, ein Stück aus dem Ärger herauszutreten und das Gegenüber noch einmal anders zu betrachten – und die Chance auf eine bessere Zukunft wachzuhalten.

Vielleicht ist unser Alltags-Theater manchmal doch hilfreich. Mich erinnert es an das Sprichwort: „Gott nimmt mich zwar, wie ich bin. Aber zum Glück besteht er nicht darauf, dass ich auch so bleibe, wie ich gerade bin.“

KONTAKT

Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
Tel.: 
(04261) 77-0
Sa. 10.08.13
„Merci, dass es mich gibt!“
Thomas Steinke
„Merci, dass es mich gibt!“

Was sollen sie lernen, die über 72.000 Kinder, die heute niedersachsenweit eingeschult werden? „Lesen, schreiben, rechnen natürlich!“, ist der erste Impuls. Bei weiterem Nachdenken wird schnell klar, dass es im Leben doch um mehr als das ABC und das Einmaleins geht. Entscheidend ist nicht nur reine Wissensvermittlung. In den Lehrplänen der verschiedenen Schulformen wurde in den vergangenen Jahren mit Recht der Kompetenzerwerb betont: Dass Schülerinnen und Schüler z.B. Prozesse einüben, dass sie in vergleichbaren Situationen selbstständig Dinge sich erarbeiten oder gestalten können usw.
Andere Tendenzen wie verkürzte Schulzeiten, Fokussierung auf Noten und Abschlüsse oder später verschulte Studiengänge werfen bei mir allerdings die Frage auf: Welche Ziele verfolgen wir tatsächlich in unserem Bildungssystem, ja in unseren Familien und in unserer Gesellschaft überhaupt?
Für mich sind das lohnende Ziele bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen: Dass diese glücklich und selbstbewusst sind, kooperativ und verlässlich, dass sie zu verantwortungsbewussten Erwachsenen werden.
Das ist mein Wunsch fürs neue Schuljahr, dass wir die Heranwachsenden ermutigen: „Wie gut, dass wir verschieden sind!“ – „Du musst nicht immer die Beste, der Schnellste… sein!“ – „Gemeinsam schaffen wir’s, gemeinsam geht’s besser!“ – „Fehler gehören zum Lernen dazu!“

Im Einschulungsgottesdienst werde ich es den Erstklässlern jedenfalls zusagen: „Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, kein Entschluss von dir.

Vergiss es nie: Dass du lebst, war eines anderen Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich. Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du, das ist der Clou, ja der Clou. Ja, du bist du!“ (Jürgen Werth)
Und nicht nur den Einschulungskindern, sondern uns allen wünsche ich, dass wir Gott, unserem Schöpfer, so danken können: „Merci, dass es mich gibt!“ – oder wie es der Psalmbeter sagt: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!“ (Psalm 139,14)

KONTAKT

Thomas Steinke

Arbeitsbereiche im Kirchenkreis: 
Superintendentur
Thomas
Steinke
Pastor
Rotenburger Str. 11
27389
Fintel
Tel.: 
04265/9540641
So. 14.07.13
Bittet, so wird euch gegeben!
Werner Hagedorn
Bittet, so wird euch gegeben!

„Bittet, so wird euch gegeben“, sagte Jesus. Wie ist das, wenn Menschen einander um etwas bitten? Bei Tisch kann ich sagen: „Reich mir doch bitte das Salz!“ Niemand wird antworten: „Hol's dir selber!“ Sondern die Person, die ich angesprochen habe, wird mir das Salzfässchen reichen. Wenn ich bei Tisch gebeten werde, jemand anders etwas zu reichen, freue ich mich. Gern erfülle ich die Bitte, und ich reiche nicht nur das Salzfässchen, sondern schenke dem andern auch noch einen freundlichen Blick und ein nettes Wort: „Aber gerne!“ Dagegen spreche ich nicht so gern eine Bitte aus. Ich möchte nicht stören, niemandem lästig werden. Bitten fällt schwer, trotz des Umkehrschlusses: Ich helfe andern gern, also helfen mir andere ebensogern. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir stark, erfolgreich und unabhängig sein sollen. An mir selber beobachte ich: Ich spiele lieber die Rolle dessen, der geben und helfen kann, als die Rolle dessen, der bitten muss.
 

Wie aber verhält es sich, wenn ein Mensch um Asyl bittet, also um Schutz für Leib und Leben? Möglicherweise hängt sein Leben von der Erfüllung der Bitte ab. Er richtet diese Bitte aber nicht an einen Menschen, sondern an eine Institution. Er bringt sie vor der zuständigen Stelle vor. Er muss sein Asyl beantragen. Was einem Menschen bei Tisch nicht einfallen würde: dem Gegenüber eine Bitte um etwas fast Belangloses abzuschlagen, das vollführen von Menschen eingerichtete Institutionen mit mechanischer Routine: Die Bitte ums Überlebendürfen abzuschlagen. Einer alleinerziehenden Mutter gelingt es nicht, ihre Kinder bis zum Monatsende zu versorgen. Ihre Anträge und Bitten werden abschlägig beschieden. Das menschliche Kollektiv erhört weder die Bitte, den Antrag der Mutter noch die stummen Bitten der Kinder. Trotz aller Sonntagsreden über die Bedeutung der Kinder für unser Land und unsere Zukunft.

 

„Bittet, so wird euch gegeben!“ Ich denke, Jesus prophezeite eine menschliche, eine lebenswerte und liebenswerte Gesellschaft. In ihr würde es um das Erfüllen des Willens Gottes gehen. Darum sind unsere Bitten an Gott: „unser tägliches Brot gib uns heute ...“ immer zugleich die Bitte um eine gerechte Gesellschaft. Für das Erhören der lauten und noch mehr der leisen Bitten sind Gott und Mensch gemeinsam verantwortlich.

KONTAKT

Werner Hagedorn

Werner
Hagedorn
Pastor i.R.
27356
Rotenburg
Mo. 08.07.13
Urlaub zu Hause?
Jens Ubben
Urlaub zu Hause?

Gehören Sie auch zu der Gruppe Menschen, die an unbekannten Orten kaum zu bremsen sind und eine Sehenswürdigkeit nach der anderen entdecken wollen? Da wird keine Attraktion ausgelassen, kein interessanter Platz ist mehr sicher. Fern von der Heimat ruft fast alles Neugierde hervor. Nur zu Hause, da wo ich wohne und lebe, habe ich bei weitem noch nicht alles erkundet, was es zu entdecken gibt. Manche Ziele steuere ich nur an, wenn ich sie Besuchern zeigen möchte. Komisch! Ob das was für mich wäre, zu Hause Urlaub zu machen?

Die Frage können wir nur beantworten, wenn wir überlegen, warum wir eigentlich Urlaub machen. Meine Erfahrung: Wenn wir mit Menschen über Urlaub reden, erfahren wir etwas über Sehnsüchte. Denn fast alle wollen im Urlaub etwas erleben, was im Alltag nicht vorkommt.

Viele nutzen Urlaub, um von etwas wegzukommen. Mal weit weg sein dürfen. Vertrautes hinter sich lassen für eine Zeit. Das ist sicher wichtig, aber auch ein merkwürdiger Ansatz. Sollte Urlaub nicht weniger ein Wegkommen sein, sondern vielmehr ein Ankommen? Ein Ankommen bei mir selbst? Dabei kann es natürlich hilfreich sein, eine andere Umgebung anzusteuern, vielleicht einen Strand, Inspiration durch Kultur, Zeit für Lesen, Natur und vieles mehr. Aber das Drumherum ist ja nicht das Eigentliche. Am Ende des Urlaubs möchte ich sagen können: Ich bin mir selbst ein Stück näher gekommen!

Kennen Sie die biblische Geschichte von Jona? Der hatte so viel Angst davor, sich mit Gottes Herausforderungen beschäftigen. Und das heißt eben auch: Mich mit mir selbst beschäftigen, mit dem, was mich im Tiefsten ausmacht. Jona suchte lieber das Weite. Und buchte kurzerhand einen Platz auf dem nächsten Schiff. Doch seine Flucht klappte nicht: Er fiel über Bord, wurde von einem Wal verschluckt. Und genau da an Land gespuckt, wo er sich den Fragen seines Lebens stellen musste.

Urlaub heißt ankommen. Manchem, der lieber weit fährt, würde das vielleicht zu Hause sogar leichter fallen. Kommen Sie gut bei sich an!

KONTAKT

Jens Ubben

Arbeitsbereich in der Kirchengemeinde: 
Gemeindebrief
Pastor/-innen
Jens
Ubben
Pastor
Große Straße 16
27383
Scheeßel
Tel.: 
(04263) 4920
Mi. 12.06.13
Vergeben und vergessen?
Vergeben und vergessen?

Einem anderen Menschen vergeben, was er einem Schlimmes angetan hat – das ist der vielleicht schwerste Anspruch an das Leben eines gläubigen Menschen. Ein Mensch, der Gott vertraut, trägt einem anderen Menschen seine Schuld nicht nach. Zugleich gibt es über kaum ein Thema zwischenmenschlicher Konflikte größere Missverständnisse. Sie führen dazu, dass Vergebung im christlichen Sinn auch unter Christen selten gelingt. Muss ich auch vergessen, was ich vergebe? Muss es dann nicht wieder so sein, als wäre nie etwas gewesen? Muss jemand nicht erst bereuen, bevor ihm seine Schuld vergeben werden kann? In vielem schwingt die kindliche Idee mit, Vergebung würde ein Unrecht wie ungeschehen machen. Aber es geht nicht um die Wiedergutmachung der Vergangenheit, sondern um gelingende Zukunft.

„Justitia und pax“ –Gerechtigkeit und Frieden heißt eine Luxemburger Kommission von Christinnen und Christen, die zehn eindrucksvolle Thesen über die Vergebung formuliert haben. Thesen gegen die Selbstüberforderung durch vermeintlich christliche Missverständnisse. Hier sind einige dieser Thesen: „Vergebung ist nicht von einem Geständnis abhängig.“ „Vergebung erfordert keine übereinstimmende Auffassung von der Vergangenheit.“ „Vergebung bedeutet, von meinem natürlichen Recht auf Rache loszulassen, bzw.: Vergebung ist die beste Rache.“ „Vergebung bedeutet nicht, vergessen.“ „Vergebung bedeutet nicht, das Verhalten einer anderen Person zu entschuldigen.“ „Vergebung bedeutet, das Unrecht nicht immer wieder zur Sprache zu bringen.“

Den ganzen hilfreichen Text finden Sie unter flgendem Link: JusPaxT2000.pdf

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Hans-Peter Daub (Superintendent)

 

 

Mo. 10.06.13
Mensch ärgere dich nicht!
Werner Hagedorn
Mensch ärgere dich nicht!

„So kommen wir nie los!“ ärgert sich die Mutter. Ihre kleine Tochter sucht nach den Schuhen. „Ich habe dir doch vorhin Bescheid gesagt, dass wir gehen wollen! Nie hast du deine Sachen beieinander!“ Die Stimmung ist im Keller. Ärger hat von der Mutter Besitz ergriffen.

 

Ist Ihnen schon einmal der genaue Sinn des kleinen Satzes aufgefallen: „Ich ärgere mich?“ Wer ärgert wen? Das kleine Mädchen seine Mutter? Nein! Die Mutter ärgert sich selbst! Sie geht nicht auf ihre Tochter ein, sondern lässt ihre eigene schlechte Laune auf sie los. Sie bildet sich ein, die Tochter ärgere sie. Die war in Gedanken vielleicht noch bei ihrem abgebrochenen Spiel. Der selbstgemachte Ärger vergiftet der Mutter den Stoffwechsel und außerdem ihrer Tochter und ihr selber den Tag. Wir selber sind es, die uns ärgern!

 

„Nun bleib doch gleich stehen!“ blafft der Mann auf dem Beifahrersitz seine Frau an. Seine Hand ist geschient, die Frau muss fahren. Vorsichtig steuert sie dicht an der endlosen Lkw-Schlange entlang. Dem Mann geht es zu langsam. Er verurteilt an seiner Frau, was er an ihrer Stelle selber täte: Mit der Geschwindigkeit nach dem eigenen Gefühl zu gehen. Die Frau tut nichts Verwerfliches, sondern genau das Richtige. Nicht sie ärgert ihren Mann, sondern er sich selbst. Damit verdirbt er sich und seiner Frau das Zusammensein.

 

Ärger ist ein Aggressionsmittel. Er schüchtert die andern ein. Sie sollen sich nach dem Willen des ärgerlich Gewordenen, nicht nach ihrem eigenen Willen verhalten. Die Situation wird als unbefriedigend empfunden und soll im eigenen Sinn verbessert werden. Aber der Ärger verschlimmert sie. Der Mensch, der sich ärgert, geht nicht geduldig und liebevoll ein auf das, was ist. Er ist nicht im Kontakt. Wäre die Mutter bei ihrer Tochter und sähe, was mit ihr los ist, könnte sie sie necken und aus dem Suchen der Schuhe ein Spiel machen. Das würde schneller zum Ziel führen. Der Mann würde die Anspannung seiner Frau wahrnehmen und ihr beim anstrengenden Fahren beistehen, indem er zum Beispiel sagt: „Schon mühsam, diese vielen Lkws!“ Dann würden er und seine Frau während der Fahrt ihre Gemeinsamkeit genießen.

 

„Eure Rede sei Ja, ja; nein, nein. Alles darüber ist von Übel“, sagte Jesus. Wir sollen einander durchaus mitteilen, was wir denken. Unser Ärger aber trägt dazu nie etwas Produktives bei. Der Name des alten Spieles bringt eine große Lebensweisheit zum Ausdruck: „Mensch ärgere Dich nicht!“

 

Werner Hagedorn

Pastor der Auferstehungsgemeinden Rotenburg

KONTAKT

Werner Hagedorn

Werner
Hagedorn
Pastor i.R.
27356
Rotenburg
Mo. 10.06.13
Sitzenbleiben kann jede(r)
Sitzenbleiben kann jede(r)

In gut zwei Wochen gibt es in Niedersachsen Zeugnisse. Für die einen bedeutet das 'weitergehen', für die anderen 'wiederholen'. Denn jährlich bleiben in Deutschland etwa eine Viertelmillion Schülerinnen und Schüler sitzen.

Ist Sitzenbleiben nun eine notwendige Chance, ein wirksames Druckmittel? Oder ist es letztlich nur demotivierend und teuer?

Es ist sicherlich wichtig, über das Sitzenbleiben neu nachzudenken, wie es ja auch die neue Landesregierung tut. Denn Sitzenbleiben klingt wie 'sich nicht bewegen, sich nicht verändern'. Und das kann und darf es nicht sein! Sitzenbleiben macht nur dann Sinn, wenn dadurch etwas oder jemand neu in Bewegung kommt.

So bin ich in diesem Zusammenhang noch auf eine ganz andere Geschichte gestoßen: Genau vor 100 Jahren, am 04.02.1913, wurde die Afroamerikanerin Rosa Parks in Alabama geboren. Sie wuchs in einer Welt auf, die strikt in Schwarz und Weiß geteilt war.

Berühmt wurde sie als 'Frau, die sitzen blieb'. Rosa Parks weigerte sich im Dezember 1955, ihren Platz in einem Linienbus für einen Weißen zu verlassen. Wie schon vor ihr andere Frauen wurde sie deshalb verhaftet. Doch ihr Widerstand verwandelte den Kampf um die Bürgerrechte in eine Massenbewegung, die Amerika veränderte.

Mit ihrem Sitzenbleiben hat sie viele und vieles in Bewegung gebracht. Christina Brudereck drückt das in ihrem Gedicht "Rosa Parks" so aus:

 

Vor 50 Jahren

blieb sie nicht alleine

andere widersetzten sich

setzen sich und standen auf

und der Bus wurde ein Bus-Boykott

und der Bus-Boykott wurde eine Bus-Boykott-Bewegung

und die Bus-Boykott-Bewegung führte zur Befreiung

Vor 50 Jahren

1. Dezember 1955, Amerika

heute, hier

den Moment verstehen

die Würde hüten

eine Welle auslösen

das richtige Wort sagen

Nein! oder Ja!

andere mitreißen

bewegen, befreien

 

Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns von Rosa Parks ermutigen lassen für neue Schritte und klare Positionen. Denn „sitzenbleiben kann jede(r)“.

 

Ruth Stieber

Mo. 03.06.13
Die Narben einer Stadt
Die Narben einer Stadt

An einem der regnerischen Tage dieser Woche leuchtete ein überraschend sonniger Abend. Die große romanische Kirche wurde in magisches Licht getaucht. St. Michaelis in Hildesheim gilt als Weltkulturerbe –das erschien in diesem Moment unmittelbar einleuchtend. Der Abendblick auf die Basilika war der Abschluss eines Rundgangs durch Hildesheim, das ich einige Jahre nicht gesehen hatte. An manchen Stellen wurden inzwischen alte Gebäude der Stadt restauriert. In den Lücken dazwischen ist auch interessante neue Architektur entstanden. Nach der Renovierung von St. Michaelis zur 1000-Jahr-Feier vor drei Jahren wird jetzt der ganze Dombezirk renoviert. 2015 soll alles fertig sein.

Ich bin beeindruckt von dem Aufwand, der bis heute betrieben wird. Die Stadt soll noch immer etwas zurückbekommen von der Schönheit, die sie früher einmal berühmt machte: das „Nürnberg des Nordens“. Das Ereignis, das solche Anstrengung bis heute nötig macht, liegt mehr als zwei Generationen zurück: Am frühen Morgen des 22. März 1945 warfen 250 Flugzeuge innerhalb von 15 Minuten über 1000 Tonnen Bomben auf die Stadt und zerstörten sie zu 75 %. Die bewunderte Altstadt lag in Schutt und Asche, 1500 Menschen waren gestorben.

Während ich Hildesheim erlebe, gehen meine Gedanken zu zwei anderen Weltkulturerbe-Städten, – beide noch viel bedeutsamer. Damaskus gilt als die älteste durchgängig bewohnte Stadt in der Geschichte der Menschheit, und in Aleppo hat der Legende nach schon Abraham eine Kuh gemolken. Die, die heute in diesen Städten kämpfen, haben für sich selbst gute Gründe. Wahrscheinlich meinen sie, nicht anders zu können. Was sind alte Gebäude gemessen an dem Unrecht, das man bekämpft oder zu bekämpfen glaubt. Und doch werden die Ruinen in diesen Städten noch Generationen später von der Gewalt unserer Gegenwart erzählen, von der Hilflosigkeit der Völker, die zusehen und keinen anderen Weg finden, von der Brutalität, zu der Menschen ganz augenscheinlich fähig sind. Wo erst einmal Krieg ist, gibt es keine Begrenzung mehr.

Ich denke, dass wir auch in unserem Land wieder konsequenter zu der Einsicht in den Ruinen zurückkehren müssen: Krieg darf um der Menschen und um Gottes willen nicht sein! Und mit Kriegswaffen verdient man anständiger Weise kein Geld.

So. 19.05.13
Begeistert
Begeistert

Wie gelingt Veränderung? Veränderung ist notwendig in vielen Bereichen. Man müsste alles auf den Kopf stellen, noch einmal von vorn anfangen. Grundsätzlich, andere Strukturen, Erneuerung auf ganzer Linie:, im Finanzgebaren, in der Politik, vor allem in der materiellen Grundorientierung dieser Gesellschaft und auch in der Kirche. Gier, Machtgehabe und Mogelei – das muss anders werden. Wenn nichts Grundlegendes geschieht, wird es sich nicht bessern. Nur leider, was kann ein einzelner Mensch tun?

Gottes Geist begeistert Menschen. Er fährt nicht in Strukturen, er zeigt sich nicht im großen Ganzen, sondern immer in Menschen aus Fleisch und Blut. Begeisterte. Begabte. Und es ist keine Masse. Zwölf Leute waren es an dem Anfang, von dem die Bibel erzählt. Und einer von ihnen wie Petrus ist so begabt, dass er den Mund aufmacht und deutet, was geschieht. Veränderung ereignet sich, indem Gottes Geist in die Menschen kommt. Ein Einfall. Inspiration. Innovation. Und die, die sich dem öffnen, teilen miteinander, was sie begeistert. Die Jungen erzählen den Alten von ihren Zukunftsideen. Die Alten verstecken nicht länger verschämt ihre Träume, die ja noch immer da sind. Sie reden miteinander von dem, was möglich ist. Und sie tun, was sie im Inneren begeistert.

Nicht jede Inspiration verändert die Welt. Aber ohne Inspiration geschieht nichts Lebendiges. Pfingsten erinnert an diese tiefe Wahrheit. Ohne Begeisterung wird sich nichts zum Besseren verändern, - durch den Geist, nicht durch Gewalt.

Manche glauben, früher gab es mehr von Gottes Geist. An dem ursprünglichen Pfingstfest z.B. mit Brausen und Feuerflammen. Aber heute sind wir von guten Geistern verlassen. Ich glaube nicht, dass Gott in unserer Zeit weniger gegenwärtig ist als in anderen. Er geizt nicht ausgerechnet heute und bei uns mit dem Geist, den er auf die Jünger so freigiebig ausgegossen hat. Wir müssen aber den Blick schärfen und Platz lassen für die Begeisterung eines Menschen. In der Begeisterung liegt eine Kraft, die auch uns anstecken kann. Und wir sollten mehr Raum geben für das, was uns selbst inspiriert.

Wenn zwölf ihre Begeisterung teilen, geschieht ein Aufbruch. Mit Gewissheit. Pfingsten heute. Da wird nicht alles anders, aber vieles wird neu in der Kirche, in der Politik und auch im eigenen Leben. In jedem Fall. Es ist gut, wenn wir dabei sind. Gott segne Ihr Pfingstfest!

 

So. 21.04.13
RegionRotenburg-Andacht_130421-01
RegionRotenburg-Andacht_130421-01

 

Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet. Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut labore et dolore magna aliquyam erat, sed diam voluptua. At vero eos et accusam et justo duo dolores et ea rebum. Stet clita kasd gubergren, no sea takimata sanctus est Lorem ipsum dolor sit amet. 

Di. 09.04.13
Die eiserne Lady
Matthias Richter
Die eiserne Lady

Die eiserne Lady ist tot. Am letzten Montag ist die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher im Alter von 87 Jahren gestorben. Davor war sie lange dement, lebte zurückgezogen.

Eigentlich ist das kaum eine Nachricht, die zu großen Gefühlen Anlass gibt. Sie hatte ein langes Leben. Und die großen Zeiten der umstrittenen Dame liegen über 20 Jahre zurück. Für die einen repräsentierte sie die Stärke ihrer Nation. Eine Frau, die anpackt, die endlich mal aufräumt. Für die anderen steht sie für sozialen Kahlschlag und für die Absurdität des Falklandkrieges. Und sie haben nicht ihre Nibelungentreue zum chilenischen Diktator Pinochet vergessen, den sie als aufrechten Kommunistenhasser verehrte.

Jetzt ist sie tot. Eigentlich ein guter Anlass, um noch einmal fair Bilanz zu ziehen. Wären da nicht die Gefühle. Die einen steigern nun ihre Verehrung für eine große Staatsmännin, blenden alles Kritische aus. Sie reduzieren die Lady auf den eindrucksvollen Einsatz ihrer Handtasche und ihre pfiffige Schlagfertigkeit. Die anderen verbrennen öffentlich Porträts von ihr, singen "Ding Dong, die Hex' ist tot!" und schmähen sie posthum als Schlampe.

Natürlich erklärt sich solche fortdauernde Polarisierung mit ihrem Leben, das früher schon nur wenige kalt ließ. Und natürlich wird auch manche Reaktion durch die Medien aufgebläht. Und dennoch beschäftigen mich die Berichte - vielleicht weil ich daran denke, was einmal über mich gesagt wird?

Vielleicht geht es manchen so wie mir, dass sie sich wünschen würden: „Wenn ich einmal soll scheiden, dann erinnert Euch an mich. Seid ruhig ehrlich dabei. Ja, ich habe manches verbockt, habe vieles falsch eingeschätzt. Manchmal war ich kein hilfreicher Zeitgenosse, und es war nicht leicht mit mir. In manchen Sachen war ich aber auch richtig gut. Ein paar Mal war ich wirklich selbstlos. Einige Male konnte man sich ein Vorbild an mir nehmen. Licht und Schatten eben – traut Euch und sprecht über beides. Ich hoffe, dass Euer letztes Urteil nachsichtig ist. Aber wenn das nicht geht, ist es eben auch so. Auf jeden Fall werde ich im Himmel viel über mich selbst lernen – und mit Euch noch viel zu diskutieren haben.“

 

KONTAKT

Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
Tel.: 
(04261) 77-0
Do. 04.04.13
Nimm Dir das Leben!
Jutta Wendland-Park
Nimm Dir das Leben!

Nimm Dir das Leben!

 

Nimm dir das Leben, so heißt es in einem Lied von Udo Lindenberg. Darin erzählt er von einer Freundschaft zwischen zwei „Typen“, die sich einst unsterblich fühlten. Und heute?

„Heut’ stehst du mit einem Bein im Grab

die Welt da draußen macht dich fertig

und du sagst, du hast genug“ so heißt es im Text.

 

Vielleicht fühlen Sie sich bei diesen Zeilen angesprochen, weil das Leben es auch gerade nicht gut mit Ihnen meint. Weil Ihnen alles über den Kopf gewachsen ist; Sie müde und kraftlos geworden sind.

Dann sollten Sie hören, wie es in dem Lied weitergeht. Dort heißt es nämlich:

„Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los

greif’s dir mit beiden Händen

mach’s wieder stark und groß.

Nimm dir das Leben

Und gibt’s nie wieder her

Denn wenn man es mal braucht

Dann findet man’s so schwer.“

 

Das sind hoffnungsvolle Worte. Sie fordern auf, das Leben nicht aufzugeben, weil es so kostbar ist. Und so einzigartig.

Genau das ist die Osterbotschaft. Auch sie beginnt mit der Verzweiflung und Mutlosigkeit der Jünger, als Jesus Christus am Kreuz stirbt und alles verloren scheint.

Doch dann, an jenem Ostermorgen, wird deutlich: Das Grab ist leer.

Das Leben hat gesiegt gegen den Augenschein.

Und sie, die Jünger, verspüren plötzlich neue Kraft. Sie nehmen ihr Leben wieder selbst in die Hand und begreifen: Gott will das Leben. Wir haben eine Zukunft!

 

Gott will das Leben. Er ist das Leben. Mit ihm an der Seite kann es gelingen, immer wieder aufzustehen und einen neuen Anfang zu wagen. Mit ihm an der Seite werden wir zu Protestleuten gegen den Tod, wie es ein Theologe formulierte.

 

Deshalb...

Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los

greif’s dir mit beiden Händen

mach’s wieder stark und groß.

KONTAKT

Jutta Wendland-Park

Arbeitsbereiche im Kirchenkreis: 
Diakonische Einrichtungen
Jutta
Wendland-Park
Pastorin, Geschäftsführerin der Rotenburger Werke gGmbH
Lindenstraße 14
27356
Rotenburg
Tel.: 
(0426) 920212
Fax: 
(0426) 920200
Fr. 29.03.13
Das Kreuz mit dem Kreuz
Jutta Wendland-Park
Das Kreuz mit dem Kreuz

Es ist ein Kreuz mit den Kreuzen. Mit den Kreuzen, die Menschen zu tragen haben. Seit Tausenden von Jahren, hier und überall auf dieser Erde.

Mitte Dezember letzten Jahres wird eine junge indische Studentin in Neu Dehli von mehreren Männern brutal in einem Bus vergewaltigt und danach blutend am Straßenrand liegen gelassen. Sie stirbt anderthalb Wochen später an den schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Am 10. März diesen Jahres wird ein junger Mann an einer Bushaltestelle am Bahnhof in Kirchweyhe schwer verletzt, als er einen Streit zu schlichten versucht. Auch er stirbt wenige Tage später im Krankenhaus an seinen Kopfverletzungen.

Von manchen dieser Kreuze lesen wir in der Zeitung, erfahren wir aus dem Fernsehen oder wir erleben sie am eigenen Leib. Die meisten Kreuze, die Menschen zu tragen haben, kennen wir nicht. Sie erzählen von Menschen, die den Kampf mit einer tödlichen Krankheit verlieren, von denen, die Opfer von Unfällen, von Gewalt und Terror werden, die verzweifelt, einsam und verbittert sind.

Manchmal sehen wir ein Kreuz am Straßenrand, geschmückt mit Blumen.

Jeder hat sein Kreuz zu tragen, heißt es im Volksmund.

Und doch scheint die Last manchmal sehr ungerecht verteilt zu sein. An diesem Haus geht kein Kreuz vorbei, heißt es dann.

Es ist ein Kreuz mit den Kreuzen. Und mit diesem einen Kreuz, das uns besonders am Karfreitag vor Augen steht. Gott lässt seinen Sohn sterben, sterben am Kreuz. Sein Sohn geht diesen Weg für uns. Nur schwer nachvollziehbar. Vielen bleibt das Wort vom Kreuz eine Torheit.

Es ist ein Kreuz mit diesem Kreuz. Und das ist gut so.

Es öffnet uns die Augen für alles Leid dieser Welt.

Es erinnert an den, der mit seinem Tod am Kreuz ein Zeichen gesetzt hat für die Versöhnung Gottes mit uns und für Menschlichkeit unter uns. Es ermutigt uns, dafür einzutreten, dass Menschen von Kreuzen befreit werden, wo es möglich ist.

Und es ermutigt uns, Kreuze mit zu tragen, wo sie nicht genommen werden können.

So wird das Kreuz zum Zeichen der Hoffnung.

KONTAKT

Jutta Wendland-Park

Arbeitsbereiche im Kirchenkreis: 
Diakonische Einrichtungen
Jutta
Wendland-Park
Pastorin, Geschäftsführerin der Rotenburger Werke gGmbH
Lindenstraße 14
27356
Rotenburg
Tel.: 
(0426) 920212
Fax: 
(0426) 920200
Fr. 18.01.13
Andach von Karin Ladwig, Prädikantin im…
Karin Ladwig
Andach von Karin Ladwig, Prädikantin im Kirchenkreis

Ein Glück: freie Wahl

"Es ist ein Glück wählen zu dürfen. Das ist der Besitz: eine Stimme. sie fällt ins Gewicht und beweist, dass ich lebe." Dieses Zitat von Günter Grass kam mir in den Sinn, bei einer Diskussion mit Freunden über die Landtagswahl in Niedersachsen. Es war das Wort "dürfen", was mich sofort angesprochen hat. Es schließt das Wort "müssen" aus, den Zwang. Es ist eine freiwillige Wahl. Doch die Möglichkeit, eine Stimme zu haben, die zählt, die Gewicht hat, verschafft das Gefühl wirksam zu sein. Vielleicht ist es das, was Grass meint, wenn er von einem Lebensbeweis spricht. Ganz wörtlich genommen erscheint mir der Schlusssatz des Zitates überzogen. Es gibt sicher noch andere bedeutsame Beweise, "dass ich lebe". Doch mit meiner lebendigen Stimme teilzunehmen an einer freien Wahl kann das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem demokratischen Staat bestärken. Es bedeutet auch, mit seiner Stimme einzutreten für die christlichen Werte, die unmittelbar verbunden sind mit den freiheitlichen demokratischen Grundsätzen, die im Grundgesetzt verankert sind. Wählen heißt, politisch handeln, Anteil nehmen an der Verantwortung für das Leben in der Gemeinschaft. Für Hannah Arendt, jüdische deutsch-amerikanische Philosophin und politische Theoretikerin war Politik angewandte Nächstenliebe, Liebe zur Welt. Das ist eine wunderbare Utopie. Die eigene lebendige Stimme dafür abzugeben, dass wir uns dieser Utopie annähern erscheint mir absolut lohnenswert. Und: Gott sei Dank, wir haben die freie Wahl.

KONTAKT

Karin Ladwig

Arbeitsbereiche im Kirchenkreis: 
Lektor/-innen und Prädikant/-innen
Karin
Ladwig
Prädikantin im Kirchenkreis
Dresdener Straße 20A
27356
Rotenburg
Tel.: 
04261/5504
Di. 01.01.13
Andacht von Matthias Richter, Pastor im…
Matthias Richter
Andacht von Matthias Richter, Pastor im Fundraisingbüro Rotenburg

Mein Autohaus schreibt: „Denken Sie an Ihre Winterreifen!“ Es ist gut, dass ich daran erinnert werde, weil ich solche Termine gerne vor mir herschiebe. Ich weiß natürlich, dass die Reifenart und die Profiltiefe wichtig sind, vielleicht sogar Leben retten. Meines und das der anderen. Und trotzdem bin ich in der Gefahr, in dieser Sache doch etwas leichtsinnig zu sein.

Sieben Millimeter Profil hat ein Reifen ungefähr, wenn er ganz neu ist. Mindestens zwei muss er noch haben, wenn die Polizei kontrolliert. Weniger ist halt gefährlich.

Auf wieviel Profil kann ein Mensch verzichten, ehe es gefährlich wird?

Ich erlebe manchmal die Angst vor dem eigenen Gesicht. Viele geben sich Mühe, gerade nicht aufzufallen und nicht anzuecken. Dann lieber mit der eigenen Überzeugung hinter dem Berg halten. Sonst macht man sich angreifbar. Es stimmt: Wer Gesicht zeigt, setzt sich aus. Viele wollen dann lieber mit Austauschgesichtern und Austauschmeinungen im Trend bleiben. Das nenne ich die Angst vor dem eigenen Gesicht. Und die wächst.

Ich finde das schade. Früher war es meiner Mutter manchmal zu viel, wenn wir uns am Tisch über Politik und Religion die Köpfe heißgeredet haben. „Hört auf, Euch zu streiten“, war ihr Beitrag zur Debatte. Dabei ging es nie um Streiterei oder um zwanghaftes Recht-Haben. Wir haben gerungen um Positionen und Werte. Ich habe manchmal den anderen einen Anstoß geben können und immer selbst daraus gelernt. Ich meine: Wenn Menschen ihr Profil zeigen, kommt eine Partnerschaft, eine Familie, eine Kirche eine Gesellschaft nach vorne. Klar, ein solches Miteinander kann anstrengend sein. Man muss Differenzen aushalten, ohne gleich das Tischtuch zu zerschneiden. Aber anders geht es nicht. Wer sich raushält, verweigert den anderen seine Meinung. Und die Chance, dass man sich gemeinsam weiterentwickelt. Ich finde es keinen schönen Gedanken, dass meine Reifen mehr Gripp haben könnten als ich selbst.

KONTAKT

Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
Tel.: 
(04261) 77-0
Di. 01.01.13
Andacht von Matthias Richter, Pastor im…
Matthias Richter
Andacht von Matthias Richter, Pastor im Fundraisingbüro Rotenburg

Jetzt ist es wieder soweit. In den Geschäften hängen Schilder: Geschlossen wegen Inventur! Da wird recherchiert, gezählt und gerechnet. Und heraus kommt das Ergebnis für das vergangene Jahr. Was ist gut gelaufen und was nicht? Was hat sich gelohnt? Wo sind Restposten, um die man sich noch kümmern muss? Durch die Scheiben sieht man, dass so eine Inventur richtig Arbeit macht. Aber sie ist nötig, damit der Start in das neue Jahr gelingt.

Bei Menschen ist das nicht anders, und deswegen mache ich meine persönliche Lebensjahr-Inventur. Bevor ich den alten Kalender ins Regal stelle, blättere ich ihn nochmal durch. Digital geht das auch, es ist aber nicht so sinnlich.

Über manche Seite freue ich mich. Die Tage an der See waren einfach traumhaft. Das Fest mit Erika und Hartmut hat uns alle sehr bewegt. Manche Termine erinnern mich an längst vergessene Erfolge, auf die ich jetzt noch einmal stolz sein kann. Manche Bewahrung und mancher Engel tauchen wieder auf. Es tut mir gut, das alles noch einmal zu erinnern und die Freude noch einmal zu spüren. Und ich nehme das zum Anlass, neue Auszeiten, neue Feste und Begegnungen zu planen und gleich in den neuen Kalender zu schreiben, bevor er mit Alltagsroutine befüllt wird.

Natürlich gibt es auch andere Seiten. Die Beerdigung von Ingelore hat uns alle mitgenommen und berührt. Ihr Lachen und ihre Worte „Ich weiß ja, wohin ich gehe“, will ich nicht vergessen. Und deswegen schreibe ich ihren Geburtstag auch in den neuen Jahresplaner wieder hinein - auch wenn sie jetzt woanders feiert.

Manche alte Kalenderseite ist kein Ruhmesblatt für mich und erinnert mich an Dinge, die ich falsch eingeschätzt habe, wo ich zu schnell oder zu langsam war. Mindestens einmal habe ich mich auch richtig daneben benommen. Ja, Inventur ist nicht immer schön, aber so habe ich die Chance, in 2013 nicht alle Fehler des alten Jahres zu wiederholen.

Zum Schluss überlege ich dann, welche Namen im alten Kalender zu wenig aufgetaucht sind, mit welchen Menschen ich gerne mehr Zeit verbracht hätte. Und welche Freunde ganz fehlen. Diese Namen werden meine schönste Aufgabeliste für 2013: Susanne und Kord müssen unbedingt eingeladen werden.

Zum Glück kann und muss ich nicht alles planen. Meine Inventur hilft mir aber, dass meine Jahre echte Lebenszeit werden.

KONTAKT

Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
Tel.: 
(04261) 77-0
Fr. 30.11.12
Andacht von Peter Handrich, Pastor in den…
Andacht von Peter Handrich, Pastor in den Rotenburger Werken

Morgen fängt traditionell die zweite große Fastenzeit im Jahr an, die Adventszeit. Das können wir heute nur noch mühsam nachvollziehen, liegen doch schon seit Anfang September die eigentlich für die Advents- und Weihnachtszeit gedachten Leckereien in den Supermärkten: Lebkuchen, Spekulatius, Stollen, Zimtsterne, Panettone und wie sie alle heißen.

Tatsächlich waren die Klöster früher so kreativ, was all diese Leckereien angeht, weil sie in der Adventszeit eben nicht leckere Fleischgerichte auf den Tisch bringen konnten, sondern „nur“ besonders gewürztes vegetarisches Gebäck. Und möglicherweise schien ihnen der Advent als Fastenzeit nicht so ernst zu sein wie die sieben Wochen vor Ostern, für die sie deutlich weniger Kreativität bei der Herstellung neuer Speisen bewiesen. Schließlich ist Weihnachten, die Geburt Jesu, im Gegensatz zu Karfreitag, dem Tod Jesu, ein freudiges Ereignis.

Eigentlich zu blöd, dass es vor Ostern diesen Karfreitag gibt – ginge es vor Ostern nur um die Auferstehung, hätten die Mönche und Nonnen bestimmt auch für die Wochen vor Ostern tolle Sachen erfunden, und wir könnten uns nach der vorösterlichen Fastenzeit wie nach Weihnachten ein zweites Mal im Jahr ums eigene Dünnwerden kümmern.

Den eigentlichen Ereignissen, auf die sich das alles bezieht oder irgendwie auch längst nicht mehr bezieht, schadet das alles nicht. Im Advent bereiten wir uns auf die Geburt des Mannes vor, der Karfreitag umgebracht wurde und Ostern auferstand. Beides, weil sein Interesse den Menschen galt, die herzlich wenig in der Welt zu sagen haben, wie Obstbäuerinnen und Fischern im Gazastreifen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Adventszeit.

 

Do. 27.09.12
Andacht von Matthias Richter, Pastor im…
Matthias Richter
Andacht von Matthias Richter, Pastor im Fundraisingbüro Rotenburg

Er saß mit uns im Zugabteil. Die 86 Lebensjahre konnte man ihm nicht ansehen. Mit der Landschaft vor den Fenstern flog auch die Zeit dahin, denn er erzählte spannend. Die Erfahrungen eines aufregenden Lebens strömten aus ihm heraus. Mit 19 war er schon Soldat und sollte Deutschland retten. „Ich hab damals dran geglaubt“, sagt er. Wegen einer Verwechslung musste er 1946 in Sibirien zwei Jahre lang im Bergwerk arbeiten. Aber er kam zurück. Die DDR wurde sein Staat, und er hat es letztlich über Umwege weit gebracht. Eine DDR-Karriere, vom Bäcker zum Funktionär. „Ich hab wieder dran geglaubt, was sie uns erzählt haben“, sagt er, „jedenfalls ziemlich lange.“ Trotzdem konnte er oft seinen Mund nicht halten, wenn die hohen Worte und die bittere Realität nicht zusammenpassten. „Ich kann gar nicht zählen, wie oft „der da oben“ seine Hand über mich gehalten hat, obwohl ich ja an so was gar nicht glaube.“ „Ist ja merkwürdig“, sage ich, „an Hitler haben Sie geglaubt, an die DDR haben Sie geglaubt, aber ausgerechnet an „den da oben“ glauben Sie nicht.“ Er lacht, und ich sehe förmlich, wie es in seinem Kopf rattert. „Ja, das ist merkwürdig, aber ich bin ja noch nicht fertig“, erwidert er. Das hat mir imponiert. Er hat fast neun Jahrzehnte auf dem Buckel und ist noch nicht fertig. Will sich noch entwickeln. Aber eines ist ihm jetzt schon klar: „Es reicht nicht, nur an sich zu glauben, dann säße ich jetzt nicht hier.“

Stralsund, unser Ziel, kam viel zu schnell. Und dennoch habe ich im Urlaub immer wieder an ihn gedacht. Viele Werte haben uns verbunden. Die Sorge über die wachsende Schere von Arm und Reich bewegte uns beide. Und gleichzeitig glaubten wir was ganz anderes. Gott sei Dank sind mir viele seiner Erfahrungen bislang erspart geblieben. Wer weiß, ob ich Christ wäre, wenn mich seine Lebenswege geprägt hätten. Beeindruckt hat mich der alte Herr. Und gleichzeitig war ich froh, dass ich glauben kann, mich manchmal ein Stück getragen weiß, von „dem da oben“. Aber fertig? Das bin ich auch noch nicht.

KONTAKT

Matthias Richter

Matthias
Richter
Theologischer Direktor des Agaplesion Diakonieklinikums
Elise-Averdiek-Straße 17
27356
Rotenburg
Tel.: 
(04261) 77-0

Seiten